Dienstag, 22. Dezember 2015

Hooray Hooray Sucray!

Weiße Häuser, steile Buckel,
das bedeutet: Micro-Geruckel.
Finde den Fehler!

Quechua in aller Ohren,
kleiner Zeh schon abgefroren
Frauen mit Tacken
Männer mit Glocken
Blinken wie Europa Park,
Heimfahrt für 'ne müde Mark
Willst du's experienciaren,
musst du bloß nach Sucre fahren!

Seit einer Woche weile ich in einem Außenbezirk Sucres, der Hauptstadt Boliviens, bei zwei Mitfreiwilligen – Lea und Cathi. Weil man auch als arbeitsloser Comarapeño nicht (nur) auf der faulen, verstochenen Haut liegen kann, wurschle ich also im Projekt der Beiden, einem Comedor (Mensa) mit Hausaufgabenbetreuung, herum. Wegen der Sommer(!)ferien fällt der Teil mi t den Hausaufgaben weg, sodass wir mit den etwa dreißig Flöhen im Alter von vier bis dreizehn meist basteln oder in der Küche schälen, schnippeln und spülen. Köchin Benita schüttelt zwar immer ihren bezopften Kopf, wenn ich an laienhaft an einer Kartoffel herumpule, erzählt uns aber trotzdem Anekdoten aus dem Leben einer echten Chulita. 

Ausflug ins Heimatmuseum mit den Frechdächsen

Die Stupsel, alle aus unserem ländlichen und sehr familiären Vorort Lajastambo, basteln für ihr Leben gern, essen und spülen selbstständig und strotzen vor Neugierde. So werden wir regelmäßig nach diesem oder jenem Wort auf Englisch oder auch mal Chinesisch gefragt oder ob George Washington eigentlich dick war. Nach meinen verzweifelten Versuchen, den Zwergen im Comarapa'schen Kindergarten die Farbe einer Birne einzubläuen, erfrischt diese Lernbegierde ungemein. Zudem komme ich jeden Tag in den Genuss eines frisch gekochten Mittagessens. Das, meine Freunde, bedeutet für mich wahren Luxus. Mein Magen, die alte Zicke, zeigt sich dafür leider nicht erkenntlich und reagiert mit Krämpfen und anderen Symptomen, die ihr euch bestimmt denken könnt.
Obwohl wir uns am Rande der Hauptstadt dieses wunderschönen Landes befinden, hat man manchmal eher den Eindruck, mitten in der Pampa zu hocken: Im „Park“ (grüne Wiese voller Unkraut) hängen Kühe rum, Stromausfall kommt regelmäßiger als die Müllabfuhr und Klospülung is nich. Der Großteil der Lajastambo'schen Bevölkerung spricht fließend Quechua, ist irgendwie untereinander verwandt und gießt beim Genuss von Alkohol das obligatorische Schlückchen auf den Fußboden- für Pachamama.
Wetter: Tagsüber bretzelt auf knapp 3000 Metern Höhe entweder erbarmungslos die Sonne herunter oder es schüttet wie aus einer gut gefüllten Wassertonne. Nachts gefriert einem dann fast die Nasenspitze. Eines von Leas und Cathis Kätzchen pennt dann auch mal mit in meinem Schlafsack. Höchste Platt-Drück-Gefahr.
Die Innenstadt Sucres ist gekennzeichnet durch schneeweiße Kolonialhäuser und Hüge, so steil, dass eine volle Micro im Schritttempo hochkriechen muss. Rund um die Plaza hampeln Kinder in Zebrakostümen auf ihren Äquivalenten auf dem Boden herum und koordinieren den Verkehr. Ja, die Plaza- die leuchtet kurz vor Weihnachten in allen Farben des Regenbogens und das Rathaus wirkt eher wie ein gigantischer, blinkender Spielautomat. Die bolivianische Art, dezent weihnachtlich zu dekorieren.

Che Guevara, der Revoluzzer
















So auch im Parque Bolivar, wo wir zwischen Mini-Eiffelturm und Fontänenshow der Probe für eine Entrada (Tanzumzug) beiwohnten. Dabei wird zum Gepäper einer Blaskapelle auf der Straße getanzt: Die Frau tippelt auf Ultra-High-Heels herum, die Männer werfen ihre in Glockenstiefeln steckenden Waden durch die Luft. Dazu wird gesungen. Wieder einmal wird deutlich, wieviel Leidenschaft und Freude hier dahintersteckt. Schade eigentlich, dass ich so ein fauler Mensch geworden bin und statt meine Hüften zu schwingen, lieber im Internet vor mich hin schwadroniere...

Dienstag, 8. Dezember 2015

Zuckerschock gefällig?

Nahrung. Allgegenwärtig und Symbol der Verbundenheit mit der Kultur, einem gewissen Lebensstandard und natürlich Glück. Wo man geht und steht, ist es in all seinen Variationen verfügbar. Von Bekannten bis Fremden lädt einen jeder Atze dazu ein.
Die letzten Tage kam das Thema aufgrund meiner Bauchmalässen in so gut wie jedem Gespräch auf. Die Floskel „Du musst auf deine Ernährung achten“ ist unter den Top 10 der meistgehörten Phrasen unbestritten auf Platz eins. Was hier unter guter Ernährung verstanden wird, hat jedoch weniger mit Obst und Gemüse als mit dem Klassiker – frittiertes Hühnchen mit Reis und Pommes frites – zu tun. Als Vegetarier nicht ganz so der Hit.
Was das ist? Keine Ahnung.
Überhaupt, Fleisch. Bolivianer können und wollen nicht ohne- nach eigener Aussage. Es gibt gefühlte 4759 Gerichte mit totem Tier – ob getrocknet, gekocht, gebraten, frittiert, paniert oder in Begleitung einer schmackhaften Schweinehaut. Bei 80 % der Bezeichnungen habe ich keine Ahnung, was für eine fleischige Delikatesse da nun dahintersteckt. Entsprechend knifflig ist es, etwas Vegetarisches zu finden, was über Reis, Mais und Kartoffeln hinausgeht.
So groß die Liebe zum Essen ist, so groß ist die Sorge um die eigene Figur. Das Spektrum der Abnehm-Tricks reicht von Kräuterdrinks über cholesterinsenkende Selleriesäfte bis zu Aerobic-Geräten.
Kaffee und Tee werden mit Esslöffeln von Zucker versetzt; ein süßes Erfrischungsgetränk und eine helatina (quietschbunter Wackelpudding) gehören zu einem guten Essen dazu. Da klopft bei dem einen oder anderen Senor Diabetes eben auch mal an.
Das Blöde ist: Die Zuckerei färbt ab. Auch ich kippe in meinen Tee gut und gerne mal ein Löffelchen rein und hole mir auf der Straße täglich mein knatschsüßes Jogurt-Trinkpäckchen.
Suppen und Empanadas (gefüllte Teigtaschen) kann man hier immer gut essen, und die Fruchtsalate auf dem Markt sind für mich ein süßer Traum. Ihr merkt, verhungern muss man hier nicht.

Manchmal verfällt man aber doch in Tagträume- von Brezeln, Sauerkraut, Kartoffelklößen, Spätzle, Ratatouille, Schupfnudeln, Vollkornbrot, Waldorfsalat, Erbsensuppe,……..

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Oh meine geliebte Ananas! & mehr

Was machte einen anstrengenden Vormittag im Kindergarten ertraeglich, hob schlechte Laune und erfrischte selbst nach einer sechsstuendigen Busfahrt? Eine Papaya! Wahlweise auch Ananas, sind so etwa auf dem selben Genusslevel. Meist reif, suess und wunderbar saftig, goennte ich mir bisher - teils mehrmals - taeglich eine dieser Paradiesfruechte. Bisher. Jetzt soll laut Aerzten und allen moeglichen sonstigen Ratgebern Schluss damit sein. Nein! Wie schrecklich! Ich kann und will das nicht akzeptieren. Ja, moeglicherweise habe ich ein gewisses Suchtverhaeltnis zu diesen Objekten des in Fruchtfleisch gebetteten Zuckers. Deshalb ist ein kalter Entzug schlichtweg nicht moeglich! Andererseits freuen sich ueber jeden Bissen dieses Himmelsobstes die Schmarotzer in meinem Bauch. Koennt ihr dieses Dilemma eventuell ein bisschen nachvollziehen?
An Krankheiten haben wir hier eigentlich schon ein halbes Medizinlehrbuch durch: Lebensmittelvergiftung, Nasennebenhoehlenentzuendung, Parasiten, Verdacht auf Dengue und natuerlich die obligatorischen Dinge wie Floehe, Durchfall und Schnupfen (letzterer ist trotz Hitze in Santa Cruz ein haeufiger Gast).
Update: Wiederholter Ananas-Konsum. Keine erkennbaren Beschwerden.

Für die Kinder ging es vergangene Woche um die Wurst, oder eher um die Tüte. Nachdem die Pimpfe (die Vier- und Fünfjährigen) sich am Freitag mit Gesang/Gebrüll, Tanz und unheimlich aufwendigen Kostümen (25 Hühner mit Federn, Schnabel etc.) in die Ferien verabschiedeten, zelebrierte der ältere Jahrgang samstags mit viel Brimborium ihren endgültigen Abgang aus dem Kindergarten. Standesgemäß begann dies mit einem Gottesdienst, für den die Juniors extra Lieder einstudiert hatten. Darauf folgte das Überreichen der monströs-riesigen Schultüten im Kindergarten. Die Schlümpfe konnten diese heiß ersehnten, gewaltigen Geräte kaum stemmen und verschwanden bei der üblichen Fotografiererei gar ganz dahinter.                                   
Begleitet wurde das mehrstündige Prozedere vo
n feierlicher Marschmusik und nicht minder feierlichen Worten der Lehrerinnen und der Hermana.
Bei dieser Gelegenheit wurde auch Geld gesammelt für die Operation von Alvaro, die nächste Woche bevorsteht. Während die Hermana bei ihrem Spendenaufruf die Tränen nicht zurückhalten konnte, tollte das Subjekt der Ansprache, Alvaro, das pure Leben, fröhlich in der Gegend herum. Kinder,Kinder…

Am Montag händigte man mir nach fünfminütigem Schlangestehen und einer Unterschrift endlich mein Carnet aus. Es kann doch so einfach sein! Mit Wartezeiten muss man hier aber wohl leben. Heute saß ich mir eine Stunde lang im Krankenhaus den Hintern platt, nur um meine Körperflüssigkeitsprobe abzugeben (ein Akt von zehn Sekunden). Aber zurück zu meinem Ausweis: Wie erwartet, spiegelt das Foto meine unvergleichliche Schönheit wunderbar wider. 
Den Rest der Woche steht Altenheim und Putzen im Kindergarten an.
Aus Mangel an Neuigkeiten noch was zum Wetter. Samstagnacht stürzte wieder eine Menge Wasser vom sonst strahlend blauen Himmel nieder, was zur Folge hatte, dass sich der Strom verabschiedete und sämtliche Läden – sonntags normalerweise geöffnet- ihre Schotten dicht machten. Sehr lang hält es der Regen hier nie aus, sodass jetzt wieder die Sonne sticht, der Wind pfeift und die Mücken rumpiesacken.
In diesem Sinne einen schönen winterlichen Dezember euch in Deutschland!


Freitag, 27. November 2015

Ein Wochenende mit Folgen

La Palizada, ein Oertchen etwa eine halbe Stunde entfernt von Comarapa. In einer Kneipe, in der einige Menschen sitzen und essen, gibt es ein Plumpsklo mit Duschvorhang anstelle einer Tuer.
Etwa 180 Kilometer weiter, Santa Cruz, Mall "Ventura". Sandfarbener, glaenzender Fliesenboden, schneeweisse Toiletten, die sich nach Erledigen des Geschaefts automtisch selbst reinigen. Dass diese beiden Kloschuesseln in ein und demselben Land liegen, faellt mir manchmal schwer zu begreifen. Das Klientel der Ventura Mall ist durchschnittlich 20-35 Jahre alt, makellos gestylt und verfuegt ueber einen gutgefuellten Geldbeutel. Auch durch die Hautfarbe, die hier ueberdurchschnittlich hell ist, hebt es sich vom Rest der Bevoelkerung von Santa Cruz ab. Chulitas mit Roecken und langen, schwarzen Zoepfen habe ich hier noch nicht gesehen. Was wir in dieser Luxusoase treiben? Das oben erwaehnte Klo besuchen. Urspruenglich wollten wir nur auf ein Eis hinspazieren, bis uns beide (Chrissi und mich) ploetzlich ein sehr dringliches Beduerfnis ereilte. Der Tuersteher wollte uns zuerst aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit (23 Uhr) nicht mehr reinlassen. Chrissi machte ihm jedoch schnell klar, dass das ziemlich bloed fuer ihn enden koennte, da wir unsere Notdurft sonst leider vor seiner Tuer verrichten muessten. Wir stuerzten also durch den ganzen Einkaufstempel ins dritte Stockwerk und ich, schwitzend und leidend, glaubte schon nicht mehr an eine geoeffnete Toilette, als wir endlich den rettenden Topf erreichten. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage dankte ich Gott. Unser Eis bekamen wir zwar nicht mehr, jedoch einen voellig ueberteuerten Kaffee von Starbucks.

Für Sonntag hatten ein paar Mädels einen Überraschungsausflug für Chrissi (nachträgliches Geburtstagsgeschenk) vorbereitet. Leider gab es bezüglich des Treffpunkts ein kleines Missverständnis, weswegen Chrissi und ich erstmal durch die ganze Stadt kurvten, um dann mit lockeren zwei Stunden Verspätung bei den anderen vier anzukommen.. Chrissi bekam eine Strickjacke um die Rübe gebunden, um ihr das Ziel unseres Ausflugs zu verheimlichen, und dann waren wir auch schon da: im botanischen Garten, etwa eine halbe Stunde von Santa Cruz City entfernt. Zu dem Zeitpunkt hatte ic,h vor Hitze mein T-Shirt schon in einen schweißgetränkten Lappen verwandelt. 
Wir picknickten auf einer Wiese ganz klassisch mit Brezeln, Nudelsalat und Apfelkuchen- alles von den Mädels mühevoll am Vortag zubereitet. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, wir wären sehr aktiv oder gar sportlich gewesen an diesem Tag. Nach stundenlangem Ess-Rumlieg-Uno-Spielen rafften wir uns auf und marschierten über Trampelpfade mit Schlammlöchern, Lianen und – einer Vogelspinne. Ich war nicht die einzige, die einen Tarzan-haften Schrei losließ beim Anblick dieses behaarten Monstrums. Das Heimkommen  stellte doch noch eine Herausforderung dar, da uns trotz unser mitunter tänzerischen Tramp-Gestikluationen kein Vehikel mitnehmen wollte. Irgendwann hielt hundert Meter entfernt von uns eine Micro und wir setzten zum Spurt an. So kamen wir alle leicht gerötet und zufrieden zuhause an.




Am Montag dann Ausweisbehörde, die zweite. Chrissi und ich verpennten gleich mal eine Stunde (vielleeeeicht war das nicht ganz unabsichtlich ;) ) und waren trotzdem nicht die Letzten. Nach einer Stunde Warten wurde ein Großteil von uns wieder rausgeschickt, „weil wir uns vorgedrängelt haben“. Aha. Also noch mal eine halbe Stunde warten, registrieren, drei Stunden warten, 63 Unterschriften, ein Foto – und das war’s. Bolivianische Behörden. So düste (oder eher knatterte) ich am Nachmittag wieder zurück nach Wind Village.
Am nächsten Tag im Altenheim spürte ich ein ständiges Kribbeln und eine Gänsehaut. Als ich in der Mittagspause meine Temperatur maß – 39,3 ° C - , merkte ich, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Also auf zum Krankenhaus, eine halbe Stunde mit lauter schwangeren Müttern Schlange stehen, in die Notaufnahme. Diagnose: Dehydrierung mit Vitaminmangel. Prompt wurde ich mit Infusion ins Bett verfrachtet und vegetierte dort bis sieben Uhr abends vor mich hin. Die Ärzte und Schwestern waren zum Glück sehr nett. Wieder ganz gut auf meinen zwei Beinchen, ging ich nach Hause. Relativ flott trat das Fieber mitsamt Schwindel und Bauchschmerzen seine Rückkehr an. Bis zum nächsten Mittag konnte ich kaum das Bett verlassen. Vermutlich lag das an Flüssigkeitsmangel und schlechtem Essen am Montag. Aber ich liiiiebe nun mal die Früchte hier! So viel wie die letzten zwei Tage habe ich wohl nicht mehr geschlafen, seit ich ein Baby war. Vielleicht wollte ich es den Faultieren im Botanischen Garten gleichtun.
Ich hoffe, euch allen rund um die Welt geht es gut und die deutschen Leser versinken noch nicht im Schnee (ich bin ganz schön neidisch, auch wenn ihr vielleicht jetzt Lust auf bolivianische Hitze hättet). Ein Gruß geht an all die Mütter, Väter und Tanten von anderen weltwärts-Freiwilligen, die meinen Blog lesen. Vielen Dank euch und allen meinen Lesern! Ihr haltet dieses Gekritzele hier am Laufen!
 Chrissi bekam eine Strickjacke um die Rübe gebunden, um ihr das Ziel unseres Ausflugs zu verheimlichen, und dann waren wir auch schon da: im botanischen Garten, etwa eine halbe Stunde von Santa Cruz City entfernt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich vor Hitze mein T-Shirt schon in einen schweißgetränkten Lappen verwandelt. Wir picknickten auf einer Wiese ganz klassisch mit Brezeln, Nudelsalat und Apfelkuchen- alles von den Mädels mühevoll am Vortag zubereitet. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, wir wären sehr aktiv oder gar sportlich gewesen an diesem Tag. Nach stundenlangem Ess-Rumlieg-Uno-Spielen rafften wir uns auf und marschierten über Trampelpfade mit Schlammlöchern, Lianen und – einer Vogelspinne. Ich war nicht die einzige, die einen Tarzan-haften Schrei losließ beim Anblick dieses behaarten Monstrums. Das Heimkommen  stellte doch noch eine Herausforderung dar, da uns trotz unser mitunter tänzerischen Tramp-Gestikluationen kein Vehikel mitnehmen wollte. Irgendwann hielt hundert Meter entfernt von uns eine Micro und wir setzten zum Spurt an. So kamen wir alle leicht gerötet und zufrieden zuhause an.













Am Montag dann Ausweisbehörde, die zweite. Chrissi und ich verpennten gleich mal eine Stunde (vielleeeeicht war das nicht ganz unabsichtlich ;) ) und waren trotzdem nicht die Letzten. Nach einer Stunde Warten wurde ein Großteil von uns wieder rausgeschickt, „weil wir uns vorgedrängelt haben“. Aha. Also noch mal eine halbe Stunde warten, registrieren, drei Stunden warten, 63 Unterschriften, ein Foto – und das war’s. Bolivianische Behörden. So düste (oder eher knatterte) ich am Nachmittag wieder zurück nach Wind Village.
Am nächsten Tag im Altenheim spürte ich ein ständiges Kribbeln und eine Gänsehaut. Als ich in der Mittagspause meine Temperatur maß – 39,3 ° C - , merkte ich, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Also auf zum Krankenhaus, eine halbe Stunde mit lauter schwangeren Müttern Schlange stehen, in die Notaufnahme. Diagnose: Dehydrierung mit Vitaminmangel. Prompt wurde ich mit Infusion ins Bett verfrachtet und vegetierte dort bis sieben Uhr abends vor mich hin. Die Ärzte und Schwestern waren zum Glück sehr nett. Wieder ganz gut auf meinen zwei Beinchen, ging ich nach Hause. Relativ flott trat das Fieber mitsamt Schwindel und Bauchschmerzen seine Rückkehr an. Bis zum nächsten Mittag konnte ich kaum das Bett verlassen. Vermutlich lag das an Flüssigkeitsmangel und schlechtem Essen am Montag. Aber ich liiiiebe nun mal die Früchte hier! So viel wie die letzten zwei Tage habe ich wohl nicht mehr geschlafen, seit ich ein Baby war. Vielleicht wollte ich es den Faultieren im Botanischen Garten gleichtun.
Kleines Update: Unreines Wasser und ueberreife Fruechte sind zwar wahrscheinlich korrekt, aber haben offenbar noch einen netten kleinen Mitbewohner fuer meinen Darm mitgebracht. Desweiteren bescherten sie mir Bauchtyphus. Ahoi Medikamente!


Ich hoffe, euch allen rund um die Welt geht es gut und die deutschen Leser versinken noch nicht im Schnee (ich bin ganz schön neidisch, auch wenn ihr vielleicht jetzt Lust auf bolivianische Hitze hättet). Ein Gruß geht an all die Mütter, Väter und Tanten von anderen weltwärts-Freiwilligen, die meinen Blog lesen. Vielen Dank euch und allen meinen Lesern! Ihr haltet dieses Gekritzele hier am Laufen!

Mittwoch, 25. November 2015

Spenden für Alvaro

¡¡¡ACHTUNG ACHTUNG!!! Kontodaten für Spenden für Alvaros Kopf-Operation:

BKHW Spendenkonto
Kontonummer: 10404706
BLZ: 61150020
IBAN: DE29 6115 0020 0010 4047 06
BIC: ESSLDE66XXX
Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen

BITTE spenden! Vielen Dank schonmal im Voraus! Ihr bekommt natürlich eine Spendenbescheinigung.

Montag, 23. November 2015

Santa Cruz OHNE Hitze?!

Ratet mal, wer seine grosses Comeback feiert. Nein, weder Oliver Kahn noch Tokio Hotel, sondern meine herzallerliebsten Lieblingstiere, die Laeuse. Vielleicht sollte ich mal konsequent das Waschen meines Haupthaares unterlassen, damit sich die Viecher vor meinen Fettstraehnen in etwa so ekeln wie ich mich vor ihnen. Stattdessen hab ich mir wieder giftgruenes Laeuse-Shampoo auf die Ruebe gehauen, um den Stoerlingen - zumindest fuer die naechsten paar Wochen - den Garaus zu machen.
Da wir hier immer noch identitaetslos umherwandeln, trommelte Toti uns am Freitagmorgen um sechs (!) zusammen, um unsere Ausweispapiere (carnets) zu beantragen, Schwang ich mich am Donnerstagabend um halb elf also zum Busbuero, um mein vorreserviertes Ticket zu bezahlen, erwartet mich eine nette naechtliche Ueberraschung: Der Bus war ausgebucht, da ich mit der Bezahlung zu spaet dran war. "Toti wird an die Decke gehen, wenn ich es nicht bis morgen nach Santa Cruz schaffe", schoss es mir durch den Kopf. Zu meiner groessten Erleichterung waren in der flota der anderen Buslinie noch zwei Plaetze frei. Letzte Reihe aussen. Das bedeutet, eingequetscht und bei jedem Kieselsteinchen in die Luft katapultiert zu werden. War mir in dem Moment schnurzpiep, ich sandte ein Dankgebet zu einem nur eventuell vorhandenen Gott und stieg ein. Naechste Ueberraschung dann um fuenf Uhr morgens in Santa Cruz: Statt unertraeglicher Hitze bot dieses launische Fleckchen boeigen Wind und eine Menge Wasser, dass vom dunkelgrauen Himmel herabstuerzte. Weil hier bei Regen immer die komplette Stadt in Schockstarre verfaellt und kaum Micros fahren, wurde unser Treffen auf etwas humanere acht Uhr verlegt. Nach dreistuendigem Schlangestehen vor der Ausweisbehoerde - Chrissi und Pauline vertrieben sich die Zeit auf dem Boden sitzend mit Filmschauen- teilte man uns freundlich mit, dass nun die Wartemarken ausgegangen seien. Jippie-jei-jou. Frierend zuckelten wir also wieder ab. Dadurch blieb jedoch genuegend Zeit fuer Maja, um mir meine von Wind und Sonne voellig zerstoerten Haare abzusaebeln. Munter schnibbelte sie drauf los, waehrend ich meine mehrmonatigen Wachstumsbemuehungen an mir herabfallen sah. Mit dem Ergebnis waren alle Beteiligten dann aber aeusserst zufrieden. Am Abend erlebten wir auf einer Studentenfeier wieder das, was ich als umgekehrten Rassismus bezeichnen wuerde: Die Tatsache, dass mit heller Haut und westlichem Aussehen fast automatisch positive Eigenschaften konnotiert werden. Man wird angestarrt, -getanzt und muss den Anspruch eines omnipotenten Europaers erfuellen. Da hier ab drei Uhr nachts offiziell Nachtruhe ist, zogen wir in eine boliche (Bar mit Tanz und evtl. Karaoke) weiter, die sich hinter einem Garagentor verbarg. Ich trank noch fast ein Bier mit Zigarettenstummel, bevor wir in den Morgenstunden nach Hause gingen.

Sonntag, 15. November 2015

Pack die Badehose ein

Schwarzer Rauch steigt auf. Nicht aus dem Vatikan, sondern aus der Steckdose, die anscheinend temporär nicht sehr gut mit dem Stecker des Wasserkochers harmoniert. Antons und meine tägliche Gymnastik ist das Kratzen unserer unschätzbar vielen Mückenstiche. Desweiteren sehe ich aus wie ein russischer Wodkaliebhaber, da ich mir mal wieder die Nase verbrannt habe. Abgesehen von diesen marginalen körperlichen Malessen kann ich zurzeit jedoch kaum klagen.
Das Wochenende in Santa Cruz gestaltete sich heiß, faul und alkoholgeschwängert. Am Samstag begingen wir Chrissis Geburtstag; auch sie kam in den Genuss einer kostenlosen Gesichtsbehandlung a la Sahnetorte. Auf dem Familienfest ihrer Gastfamilie am darauffolgenden Tag ging das Gebechere weiter und inmitten  von vierzig Bolivianern landeten die beiden Gringos auf dem Familienfoto (die Mehrheit dort wusste wahrscheinlich nicht mal, wer ich überhaupt bin). Seit Montag bin ich jetzt keine illegale deutsche Zecke hier, sondern genieße dank meines Visums ein Jahr Aufenthaltsrecht auf dem heißen bolivianischen Boden. Klar, dass das nicht ohne zweieinhalbstündiges Warten in der Einwanderungsbehörde vor sich ging. Aber hey, jetzt habe ich einen Schnipsel mit vielen Nummern und einem ästhetisch wenig ansprechenden Schwarzweißfoto. Um meinen Bus nach Comarapa zu bekommen, schlug ich mich durch den Santa Cruzschen Micro-Dschungel und schwitzte vor lauter Angst, nicht rechtzeitig zu kommen, mein T-Shirt durch. Indessen kaufte sich der Fahrer noch gemütlich ein Mittagessen. Am Busbüro angekommen, informierte mich die zuständige Mitarbeiterin ganz gelassen, dass der Bus nun immer eine halbe Stunde später fahre.
Mit Mellis Gastmama und Anton versuchte ich mich am Dienstag in Aerobic, Zumba und Tanz –vorgetanzt von jungen und sehr gut gebauten Menschen auf einer von Dollis Tanz-DVDs. Obwohl Anton und ich uns wirklich Mühe gaben, sahen wir wohl eher aus wie motorisch eingeschränkte Hampelmänner. Vielleicht lag das aber auch an den teils echt witzigen Gestalten mit grellbunten Sport-Bustiers, die uns einfach zu sehr ablenkten.
Am Mittwoch ging es mit den jüngeren Kiddies des Kindergartens und den dazugehörigen Mamas in einem Pickup an den Fluss. Außer Essen, Spiele spielen, Essen und Essen taten wir nicht viel. Ach ja, und ich verbrannte mir meine Nase. Oder habe ich das schon erwähnt? Ein bisschen wunderten mich die Mütter, die größtenteils noch sehr jung waren, teils aber schon ein weiteres Kind an der Brust hatten. Weil es angeblich die Kräfte des Kindes stärken soll, wickeln manche Chulitas ihr Kind mumienartig in elastische Tücher ein und tragen es in einem riesigen Tuch auf dem Rücken, sodass es sich gar nicht bewegen kann. Irgendwann registrierte ich ein höllisches Brennen unter meiner Nase. Den Grund fand ich schnell: Ich hatte für das Essen kleine grüne „Paprika“ geschnitten, die eigentlich Chilischoten waren, und mir das Zeug im wahrsten Sinne des Wortes unter die Nase gerieben. Die Mamis schauten etwas irritiert, als ich zackig wegstürzte, um mir die Nase zu waschen.

Am Donnerstag folgte Ausflug Nummer zwei. Wir packten die größeren Schlawiner in einen Bus und tuckerten zu einer etwas verborgenen Stelle am Fluss. Wir aßen –wie ungewöhnlich!-, die Kinder spielten im Sand und badeten im Fluss. Ganz selbstverständlich stiegen auch ein paar von den Lehrerinnen UND die Chefnonne MIT ihrem Kleid ins Wasser. Also pellten Anton und ich uns auch aus unseren Klamotten und hockten uns in den kühlen Strom. Anton war wieder ein beliebtes Fotomotiv.




Zoes mondaene Frotteehaube

Auf dem Rueckweg- das erste Mal, dass die Kinder ruhig sind


Zwischen all der fröhlichen Momente kam eine eher schlechte Nachricht: Bei Alvaro, über dessen unermüdliche Nervkraft ich mich in einem älteren Blogpost beschwert hatte, wurde Verstopfung der Gehirnflüssigkeit festgestellt, die nun schnell operiert werden muss. Das Einbauen einer Pumpe und die Nachbehandlung kosten jedoch 4000 Dollar, über die die Mutter nicht verfügt. Nun sind wir am Autreiben von Mittel. Uns und vor allem Alvaro wäre sehr geholfen, wenn vielleicht ein paar von euch auch  etwas beisteuern. Das muss keine große Summe sein und es soll sich auch niemand verpflichtet fühlen. Die Details zur Bankverbindung folgen in Kürze. Liebe Leser, das wäre wirklich super von euch!

 Was mir hier sonst noch so passiert: Vergesse, auf dem Markt meine Tomaten zu bezahlen; Anton entdeckt ein kakerlakenähnliches Viech im Flur, über das wir erst mal einen Becher stülpen; die Kinder tanzen auf „Moskau, Moskau“; Freitag ist Kjaras-Tag, was Schweinefleisch mit Schweinehaut (!) ist; bei Regen fällt regelmäßig Strom und Internet aus; zu guter Letzt die Frage eines Internatskindes an Wiebke:
„Gibt es in Deutschland Küchen?“

Nein, wir kochen auf dem Feuer.

Samstag, 7. November 2015

Feierei und Fetz

Von was gibt es hier noch mehr als Kinder und Stechmücken? Richtig- Feiertage! Nachdem wir jetzt schon den Tag des Fußgängers, den Geburtstag von Santa Cruz, den Tag des Schülers, der Liebe und des Frühlings (wohlgemerkt alle drei gleichzeitig), den Tag der Flagge und die Plurinationalen Spiele gefeiert haben, verdankten wir dem „Tag der Verstorbenen“ ein verlängertes Wochenende. Samstagfrüh startete um sieben Uhr – der Zeit entsprechend ohne unsere Anwesenheit – eine Motorradralley, die auf mehreren hundert Kilometern durch die Provinz führte und am Sonntagnachmittag – diesem Event wohnten wir bei- wieder in Comarapa City ankam. Von den knapp 200 Teilnehmern kam nur ein Bruchteil an; auf der doch recht rustikalen Strecke hatte es einige vorher geschmissen. So warteten wir also ab drei Uhr unter der Menge fröhlich bechernder Bolivianer im Matsch, bis gegen fünf der erste schlammgebadete Zweiradheld eintraf. Oder eher einraste. Knapp gefolgt von einer Frau – an dieser Stelle muss ich ein bisschen feministisch werden – auf einem Quad. Vor dem Brüderhaus sitzend, belustigten wir uns dann noch über die Nonnen, die es sich auf Plastikstühlen und mit Radio auf der Schulter vor dem Kloster gemütlich gemacht hatten und bei jedem Fahrer aufsprangen, um mit einem weißen Tüchlein zu winken. Meine Vorgängerin Laura hatte mir von einer Party nach dem Rennen erzählt. Als wir in besagter Lokalität eintrudelten, potenzierte sich die sonst in Comarapa herrschende Pfeif-, Hinterherguck- und Ansprechfrequenz noch mal. Lauter ange- bis betrunkene Männer, für die weiße Frauen wohl eine ziemliche Rarität sind. Nach ein paar Bier verschwanden Wiebke und Melli dann relativ pronto auf der Tanzfläche, während ich mal wieder das Verhalten feiernder Bolivianer und insbesondere deren absolut ästhetisches Tanzen analysierte. Irgendwann landete ich auch unter den Gummihüften; von Ästhetik kann aber keine Rede sein. Mein Tanzpartner ermahnte mich alle paar Takte, nicht auf meine Füße zu starren und auch ab und zu mal zu lächeln. Die Konsequenz bekam er zu spüren, als ich ihm auf die Füße trat.
Der Tradition entsprechend, suchten wir Montagnachmittag den örtlichen Friedhof auf, um am „Dia de los difuntos“ für die Verstorbenen zu beten. Den Friedhof stellt ihr euch mit großen, bunt geschmückten Mausoleen für jede Familie vor. Wiebkes bolivianischer Kumpel führte uns in die Verfahrensweise hier ein: Man stellt sich vor ein Grab oder Mausoleum, betet jeweils drei Vater unser und Ave Maria. Als Dank bekommt man von der Familie des Dahingeschiedenen Plätzchen, Kuchen, Cola oder auch mal ein Schnäpschen. Wir wurden von Grab zu Grab geschleift, um unsere deutschen Gebete runterzurattern. Wiebkes companero suchte immer nach den Gräbern mit dem besten Süßzeug, sodass wir am Ende nicht nur zwei Einkaufstüten voller Gebäck, sondern auch einen sitzen hatten. Auch wenn wir uns anfangs etwas befremdlich mit diesem „Handel“ um die Gnade Gottes vorkamen, herrschte auf dem Friedhof heitere Stimmung.
Melli, ihre Gastmama und das Monstrum
Für Mellis Geburtstag, in den wir am Abend reinfeierten, backten die Brüder (NICHT: Mönche) Pizza und ihre Gastmama Dolli eine Torte, in der ein Baby locker Platz gehabt hätte.
 Wieder mal wurde uns die Herzlichkeit dieser Menschen bewusst, als eine Gitarre ausgepackt und für Melli gesungen wurde. Ich müsste lügen, wenn das das Einzige war, was mir an diesem Abend Freude machte. Bis Mitternacht leerten wir zwei Schnaps- und diverse Weinflaschen, was sich am nächsten Morgen bemerkbar machte, als mein Wecker für einen gewöhnlichen Arbeitstag im Altersheim klingelte.







Anton mit dem Kindergarten-Wimpel

Am Mittwoch (4.11.) wartete jedoch schon die nächste Feierei: Anlässlich des 55. Geburtstags der Provinz marschierten Anton und ich mit den Lehrerinnen beim Umzug mit, der auf einer Strecke von etwa 100 Metern einmal um die Plaza führte. Wir konnten uns nicht entscheiden, ob das jetzt peinlich oder einfach nur lustig war. Das Altersheim veranstaltete ein Grillfest, bei dem Anton und ich ein bisschen mithalfen. Wie ich später erfuhr, finanziert sich durch Einnahmen wie diese das Heim, das keinerlei Unterstützung vom Staat erhält. Als ich später mein Stadion-Läufchen absolvierte, traf ich auf eine Gruppe Männer, die mit Bierflaschen im Gras saßen. Darunter ein bekanntes Gesicht: der Bürgermeister. Na, der darf  ja auch mal mit seinen Kumpels einen kippen. Ein bisschen Spaß muss sein. Bis zum nächsten Feiertag!



Marilin, Koechin des Kindergartens, wollte unbedingt ein Foto ;)


Kinderleicht, oder?

„Und, was machst du so nach dem Abi?“
„Och, mich über Kinder aufregen und alte Leute nicht verstehen.“

So oder so ähnlich würde ich jetzt vielleicht antworten mit dem Anhängsel, dass das alles aber unheimlich Spaß machen kann.  Kann.
Da mich die anderen Lehrerinnen wohl nicht haben wollten, widmete ich mich die vergangenen Wochen vormittags größtenteils dem Zoo von Profe Maggy, der sich durch außerordentliche Arbeitsträgheit auszeichnet. Um diesen Haufen Energiebündel in den Griff zu bekommen, musste ich meine mit Kindererziehung nicht sehr bewanderte Kreativität spielen lassen, um mein zartes Stimmchen nicht erfolglos heiser zu schreien. Bei den Mädels klappte es ganz gut, ihnen in verschnörkelter Schrift in Prinzessinnen-Pink ihren Namen ins Aufgabenheft zu malen. Wie immer, ist das bei den Herren der Schöpfung nicht ganz so leicht. Nach einigen Drohungen – Pausenentzug, Petze bei Mami – versuchte ich es mit dem „Stuhl des Nachdenkens“. Auf diesen setzte ich die kleinen Rotzlöffel, etwas entfernt von den anderen Kindern, und siehe da: Der Kasper blieb sitzen! Nicht ohne beleidigten Schmoll-Blick. Nach ein paar Minuten kann man das fragliche Objekt dann wieder auf die Gesellschaft loslassen. 

Wenn ich das so schildere, klingt das fast, als wäre ich der Zwergen-Diktator. Im Vergleich zu den Lehrerinnen, die sich auch mal Trillerpfeife oder eine Kopfnuss zur Hilfe nehmen, ist das aber vielleicht noch im Rahmen. Oder? Was denkt ihr?
Fast so oft wie prügelnde, auf dem Boden rumrollende und Filzstifte lutschende Bälger gibt es aber auch die Momente, in denen man wieder weiß, warum man das macht. Wenn die Kinder mal ein Spiel MITMACHEN, sich über einen von mir gezeichneten Elefanten auf ihrer Maltafel freuen oder mir Fragen stellen wie: Warum hast du Punkte auf der Haut? Wo wohnst du? Was ist das da an deiner Augenbraue? Auch, wenn sie mir etwas von ihrer Familie oder ihren Spielzeugen erzählen, oder mir beim Aufräumen helfen- da lächelt man unwillkürlich. 
Viele der Kinder gehen nächstes Jahr zur Schule. Deshalb wurden letzte Woche Fotos gemacht- stilecht in der Montagsuniform. Die Jungs tragen eine dunkelblaue Hose und ein hellblaues Hemd, die Mädels ein hellblaues Kleid mit weißer Blase. Wenn sie jeden Montag so die Nationalhymne singend die bolivianische Flagge grüßen, gibt as schon ein sehr süßes Bild ab. Wenn sie sich in der Pause mit ihren weißen Strumpfhosen in der Wiese wälzen, auch – nur eben auf andere Art. Wir haben mit dem Basteln der Schultüten angefangen und üben Lieder für den Gottesdienst, mit dem das Ende der Kindergartenzeit zelebriert wird.
Zwischendurch muss auch mal ein Kind getröstet werden. Eines konnte nicht mehr mit dem Weinen aufhören, weil es sich Suppe über sein Kleid geleert und nun Angst vor Bestrafung durch seine Mutter hatte. Ein anderes verzweifelte, weil es nicht wusste, wie man sich die Zähne putzt, und dann natürlich das uns allen bekannte laute Aufheulen nach dem Hinfallen. Das nimmt mich manchmal selbst ein bisschen mit.
Noch eine kleine Anekdote zum Schluss: Letzten Mittwoch saß ich mit Anton während der Pause auf einer Bank, als sich ein Kind zu mir setzte. Es setzte gerade an, mir einen Schwank aus seinem Leben zu erzählen, als plötzlich die Bank zusammenkrachte und wir beide auf dem Boden saßen. Das Kind zuckte nur die Schultern, als ob das das Normalste von der Welt wäre, und rannte weg, während ich mich nicht mehr einkriegte vor Lachen. Wir waren wohl einfach nicht mehr tragbar ;)


Nicht alles easy

Wie Dinge einfach so in den Schatten treten können. Plötzlich gibt es keine Straßenbahn, kein Wlan, keinen Supermarkt mehr. Plötzlich reicht es nicht mehr aus, sechs Stunden einfach „anwesend“ zu sein. Plötzlich scheint der Gedanke, spontan abends wegzugehen, so weit weg wie die chinesische Mauer.
Man macht nicht spät nachts Hausaufgaben, um die mündliche Note noch irgendwie hinzubiegen – weil hier eine andere Art Leistung gefragt ist. Man schmiert sich keine Farbe mehr ins Gesicht – weil das Schönheitsideal hier ein anderes ist. Man macht sich keine Gedanken, wo man am besten feiern kann – weil die Anzahl der Möglichkeiten gleich null ist. Kurz: Der Mikrokosmos, in dem man sich bewegt, hat sich verändert.

Man macht sich Vorwürfe, so zu leben, wie es  20 Jahre lang normal für einen war. Ohne Blick nach links und rechts. Man stellt sein Tun infrage hinsichtlich Kindern, die den Kindergarten verlassen mit dem Wissen, dass zuhause die tägliche Gewalt auf sie wartet. Man besucht den Dienst für einen Gott, über dessen Existenz man nur spekulieren kann. Man feiert diese Messe zusammen mit Menschen, die sich gläubige Katholiken schimpfen, während sie ihre Frauen betrügen. Man wächst zusammen mit Menschen, mit denen man willkürlich zusammen gesteckt wurde. Wer sagt, die Welt sei so klein, der lügt. Kinder weinen auch in Deutschland. Der Grund ist nur ein anderer. Hier diskutiert man vielleicht auch über Rente- aber nicht wann und wie viel, sondern ob. 

Diesen Beitrag schrieb ich an einem Tag, der mich vor einige Herausforderungen stellte. Er soll keineswegs ueberheblich oder pessimistisch klingen. Nur kommen solche Momente inmitten all der schoenen einfach auch und ich halte es fuer wichtig, auch diese Seite der Medaille zu zeigen. 

Sonntag, 18. Oktober 2015

Comarapa- THE place to be!



Wollt ihr Spaß und Action? Fußball, Volleyball, Tanzen oder Laufen – in all diesem könnt ihr euch üben! Im Gottesdienst findet ihr die Möglichkeit zum Gespräch mit Gott und zum Trällern des ein oder anderen Liedchens. Der Markt wartet mit knackigem Obst und Gemüse oder heimischen Spezialitäten auf euch! Das reicht noch nicht? Dann macht einen Abstecher zu unserem Companero Jesus, der hoch über unserem Örtchen erhaben seine Gipsarme ausbreitet. All das bekommt ihr in Comarapa- und NUR hier!
Stadion von Comarapa- fuer ein Laeufchen immer gut
Spaß beiseite, die letzten Wochen passiert hier tatsächlich mehr als in meinem einsamen ersten Monat. Gestern versuchte ich mich im Futsal (Fußball auf Asphaltboden) und stellte wieder einmal mehr fest, dass ich nicht für Mannschaftssportarten gemacht bin. Außerdem schaltet mein Kopf irgendwie ab, wenn ich mich bewegen soll, und so stehe ich dann völlig verloren mitten auf dem Spielfeld herum und suche den Ball. Wiebke, der Fußballprofi, musste allein die Ehre der leider etwas unfähigen deutschen Mannschaft verteidigen.
Auch das Samstagabendprogramm glänzt hier durch Vielfalt: Erst der Besuch des Gottesdienstes, anschließend ein Bummel durch die Geschäfte (Fußballschuhe gefällig?) und schließlich gemütliches Pizzaessen im Haus der Maristenbrüder. Wer beim Wort Gottesdienst irritiert die Stirn runzelte: Auch ich wundere mich über mich selbst, aber betrete hier wirklich regelmäßig einen Gottestempel. Der Aufbau einer Messe ähnelt dem deutschen sehr; die Predigt ist jedoch authentischer, der Pfarrer spricht freier, und Mitglieder der Gemeinde spielen an Gitarre, Keyboard und Trommel kurze Liedsequenzen zum Mitsingen ein. In der gestrigen Messe sprach der Pfarrer vom Gotteskult in Deutschland, von dem ihm „Bruder Anton“ und „der Bruder, mit dem wir zusammenwohnen“ (gemeint war Stefan, ein anderer deutscher Freiwilliger, der im Haus des Pfarrers lebt) erzählt hatten. Jedoch war wohl ein kleiner Kommunikatiosfehler aufgetreten. Es mag zwar sein, dass der Kirchenbesuch nicht die populärste Beschäftigung unter deutschen Jugendlichen ist, aber dass alle Christen zum Islam konvertieren und Kirchen zerstören – das wäre mir neu. Habe ich etwas nicht mitbekommen? Ist die Situation in Deutschland so eskaliert? Sagt ihr es mir…
Gestern zur nächtlichen Stunde entdeckte etwas, das nicht gerade zu friedlichem Einschlafen beitrug: Uneingeladenen Besuch auf meinem Kopf. Nach massenhaft Mückenstichen, Sonnenbrand und Verdauungsproblemen habe ich es nun mit Kopfläusen zu tun. Herzlich Willkommen, meine kleinen Freunde! Heute rückte ich den Störlingen mit der Chemiekeule zu Leibe. Lasst uns hoffen, dass sie ihr Unwesen nun nur noch im Abfluss treiben!
Weiterhin geht der Aufruf an den aktiven Leser, mir Informationen und Nachrichten zu egal welchem Thema zukommen zu lassen, um meine unendliche Neugier zu stillen und ein Stück Heimat in die bolivianischen Ferne zu schicken. Als Dank wäre auch ein Mitbringsel am Ende des Jahres drin. Oder ist das schon Bestechung? ;)


Sonntagsmarkt - hier gibt es alles, vor allem Menschen ;)

Von Tropen und Moenchen, die keine sind




Den Himmel überzieht ein zartes Himmelblau, die schmale Mondsichel liegt zwischen den Bergrücken. Selbstverständlich ist das so angerichtet; seit tausenden von Jahren und hoffentlich noch mal genauso viele. Gestern noch sahen wir die Sonne zwischen Palmenspitzen untergehen. Die Hitze ließ uns schwitzen und die Straße zog sich geradlinig durch die dichten grünen Wälder. Aus dieser schlafwandlerischen Landschaft wurden wir jäh herausgerissen, als die eng bebauten, breiten Straßen Santa Cruz ankündigten. 


Blick ueber Robore
Drei Tage waren wir unterwegs, doch es scheint länger. Die Chiquitania (Tiefebene) zeigte uns so viel: Das beschauliche Dorf Roboré, Wasserfälle mitten in den Bergen, heiße Quellen und die ursprüngliche Stadt San José mit Jesuitenkirche. „Ganz nebenbei“ lernten wir Menschen kennen, die mir den Glauben an das Gute im Menschen zurückgaben.Fünf betagte Maristenbrüder (KEINE Moenche- Melli, die auf einem Maristenkolleg war, betont diesen Unterschied nachdruecklich)


Die Wasserfaelle - leicht bearbeitet ;)


Schmetterlingshorden bei den aguas calientes

Aguas calientes oder lauwarme Bruehe
boten uns Unterschlupf und schmackhafte Nahrung im Maristenkolleg von Roboré.
 Die Kids müssen sich hier schon um sechs in die Schule schleppen, weil sie sonst vor Hitze durchbrennen wie eine Glühbirne. Vielleicht könnt ihr euch nun vorstellen, warum wir große Teile des Tages auf unseren Matratzen liegend verbrachten. Nicht mal in der Kirche war man vor Schwitzerei und Viechern gefeit!



Zu den aguas calientes (heiße Gewässer) wurden wir exklusiv kutschiert, hockten uns in die warme Brühe und unterhielten uns mit Mennoniten. Diese Aussiedler verließen vor etwa 300 Jahren Deutschland und schlossen sich in Kanada, Mexiko, Belice…. Zu Kolonien zusammen. Was wir zunächst für eine fremde Sprache hielten, sei Niederdeutsch, so erläuterte man uns, und habe seine Wurzeln im Preusischen. Uns kam sofort Niederländisch in die Köppjes, als wir uns ein mennonitisches Wörterbuch reinzogen. Die „Mennonitenpost“ bestand hauptsächlich aus Briefen aus den einzelnen Kolonien, in denen von Krankheiten, Überfällen und der Ernte erzählt wurde. Stutzig machte uns das gehäufte Vorkommen des „selbst gewählten Todes“ unter den Todesanzeigen der Hillebrandts, Isaacs und Co. Geheiratet wird nur innerhalb der Gemeinde, und so frage ich mich, wie der Vater seine acht Kinder überhaupt von seinen zehn Neffen auseinanderhalten kann – die Brütlinge sehen für mich tupfengleich aus. Die Mädels in geblumten Seidenkleidern mit Zopf und Haube, die Jungs mit Latzhose, Hemd und Käppie. Für mich eine äußerst interessante Begegnung- das Beglotzen war beidseitig.

Valle de la Luna - Mondlandschaft



Mit dem Nachtbus ging es ins 1,5 Stunden entfernte San José, wo wir bei Lehrern des Maristenkollegs unterkamen. Die Hitze schlug uns am nächsten Morgen wie Mohammed Alis Faust ins Gesicht. Entsprechend schleppend die Besichtigung der Jesuitenkirche, eines Kunsthandwerkgeschäftes und der Maristenschule, wo wir gleich mal vor eine gackernde bolivianische Meute gestellt wurden, die uns mit Fragen löcherte. Deprimierend, dass ich immer noch auf 17 geschätzt werde. Im Valle de la luna (Mondtal) stiefelten wir über mondkraterähnliches Gestein und danach durch den putzigen Ort, der in der Zeit ein par Jahrzehnte zurückgeblieben scheint. Um sechs quetschten wir uns zu neunt in einen Van, der uns zurück nach Santa Cruz brachte. Vier Stunden lang Bachata, Merengue und Co. in Diskolautstärke. Unsere Mitfahrer feierten es. Donnerstag tuckerten wir mit Hermano Gregorio, dem Ersatzpapa von Wiebke und Melli, in unser Bergidyll Comarapa zurück. Frische Luft und Wind, der den Tropenschweiß trocknet! Am selben Abend kam ich überraschend noch in die Gesellschaft der Dominikaner-Schwestern: Als ich spontan nach etwas Essen fragte (ja, das klingt armselig, aber ist eigentlich so vorgesehen), baten sie mich gleich herein. Unter den schwatzenden und lachenden Nonnen herrschte eine Stimmung, die man in einem Kloster so nicht erwartet.

Schmetterling seelenruhig auf Mellis Finger
Tourifoto vor der Jesuitenkirche - Melli, Wiebke und ich




















Erkenntnis dieser Woche: Reisen frischen nicht nur festgefahrene Denkmuster auf, sondern geben die Möglichkeit zu Begegnungen mit besonderen und warmherzigen Menschen.