Donnerstag, 21. Juni 2018

Irren um mich selbst

Zwischen Selbsttäuschung und Selbstverrat verläuft eine feine Linie. Manchmal übertritt man sie. Steht vor einer Menge Fakten, die man so nicht schaffen, und Fragen, die man sich eigentlich nie stellen wollte.
Warum habe ich es wieder getan? Warum bin ich so?
Ein Kind verlernt auch nicht einfach wieder, zu laufen.

Feine Linien verlaufen zwischen den großen Themen im Leben: Hoffnung und Enttäuschung. Witz und Ernst. Liebe und Hass.

Ich tue hier so philosophisch und latsche mir selbst auf die Füße. Anderen Ratschläge geben und selbst den Karren mit Karacho in den Misthaufen donnern. Ich liebe diese Redewendung "So klein mit Hut", aber unter selbigen passe ich gerade dreimal. Ich will mal so schlau handeln, wie ich predige.

Wenn selbst Schlaf, Freunde und Kirschjogurt an der Trübe ausrichten können, wird es Zeit, sich selbst ins Gesicht zu schauen und sei es auch nur im Spiegel, diesem verteufelt ehrlichen Geselle.

Falsche Abbiegung. Umdrehen. Weitersuchen.

Montag, 18. Juni 2018

Warum Selbstzweifel ne doofe Sache sind

"Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen." Wer auch immer das gesagt hat, hatte das Melancholikergen und - Recht.
Es läuft. Oder eher: Es rennt. Ich kann die Geschwindigkeit gar nicht fassen, in der sich gerade Dinge ereignen. Wie ein fahrender Zug ziehen die Geschehnisse an mir vorbei. Als wäre ich nicht nur nicht dabei, sondern erst recht nicht die Protagonistin. Ich kann nicht ausmachen, wann und wie es anfing, und stecke doch mittendrin.
Probleme, Sorgen und Ängste sind nicht weg, aber werden abgedämpft. Ich habe plötzlich so einen Weichzeichner, der das alles ein wenig in den Hintergrund drängt. Oder vielleicht werden mir die Verwindungen in meinem Kopf durch ihn erst wirklich bewusst. Wer sonst gibt einem in so einem Ausmaß eine Referenz zu dem, was man tut? Ich dachte die meiste Zeit meines Lebens, nur ich habe abendliche Fressanfälle oder trinke zu viel Kaffee. Was an sich nichts Dramatisches ist. Nur stelle ich das jetzt erst fest. Warum? Weil ich vorher nie einen derart intensiven Vergleich mit einem anderen Menschen hatte. Ich glaube, Viele von uns denken, sie seien allein mit ihren Macken und verurteilen sich dafür. Davon gehen sie aber nicht weg. Was bleibt, ist, sie anzunehmen, so, wie sie sind. So bleiben sie bestehen, bereiten uns aber nicht halb so viele Falten wie durch ständiges Selbst-Infrage-Stellen.
Sich bewusst zu machen, dass ich einfach nur eine von vielen Milliarden Menschen bin und biologisch auch zu nahezu 100% so aufgebaut wie alle diese, entbindet ein Stück weit von einer Verantwortung. Wenn ich mir vor dem Schlafengehen noch ein halbes Kilo Knoblauchquark reinpfeife und davon ausgehe, dass ich aus dem gleichen Baumaterial zusammengeschustert wurde wie alle anderen, muss es ja mindestens eine Person geben, die auch abends mit Wampe im Bett liegt. Vielleicht war euch das schon lange klar. Für mich ist es eine recht frische Erkenntnis.
Wieso muss ich an mir zweifeln, wenn ich mal etwas tue, was Gesellschaft, Ernährungsratgeber und Fashionistas verabscheuen, aber mindestens eine Handvoll andere Menschen ebenso tun? Dann ist vielleicht der Fehler im System und nicht in meinem "kaputten" Essrhythmus. An dieser Stelle ein Mittelfinger an Menschen, die andere aufgrund ihres Körpers kritisieren.
Ach ups, jetzt ist in diesen eigentlich enthusiastischen Text doch eine destruktive Note hinein gekommen.
Es ist Sommer, wir sind Studenten und können uns glücklich schätzen, so viele Freiheiten zu haben, um diesen zu genießen. Straßenfeste, kühles Bier und einlullende Töne aus der Stereoanlage. Es gibt so viele Anlässe, zufrieden zu sein.
Ich will gelegentliche Tristesse und Ödnis, Melancholie oder Wut nicht kleinreden noch verdammen. Aber die kommen sowieso. Zwischendrin kann man sich ruhig mal bewusst zu machen, was für atemberaubende Momente gerade vonstatten gehen. Oder vielleicht bin das wieder nur ich, für die das nichts Selbstverständliches ist.
Aber statistisch gesehen kann ich nicht die einzige Grübler-Grantlerin sein. Ich mein ja nur.

Donnerstag, 24. Mai 2018

Weiter auf der Suche



Ansprüche herunter schrauben. Ja, das macht vermutlich zufriedener. Aber ich habe keine Lust, auf etwas zu verzichten. Ich möchte ins Leben springen wie in einen Pool voller Überraschungen, mich erfrischen und vergnügen. Keine Wünsche, keine Hoffnungen mehr zu haben, bedeutet Resignation. Dann kann auch nichts mehr kommen. Keine Überraschungen, keine Hochs, keine Tiefs. Letztere nehme ich in Kauf, wenn das Leben in Bewegung bleiben soll. Fühle ich nichts mehr, bin ich tot. Dann funktioniere ich nur noch.

Was gibt es Schöneres, als von Menschen umgeben zu sein, denen man sich nah fühlt? Mit ihnen so Vieles teilen zu können, Schönes, Schauriges und Trauriges? Diese Menschen lohnt es sich, zu suchen, und sei es auch mit einer Reihe von Fehlversuchen verbunden. Aber deshalb aufgeben? Nein. Warten, Suchen, Scheitern, Weitergehen. Irgendwann wird man fündig, und umso schöner glänzt das Gold.

Samstag, 19. Mai 2018

In die Vollen


Gewohnheit - einer der engsten Vertrauten des Menschen. Meist bemerkt man ihn erst, wenn er sich schon häuslich eingerichtet hat. Je nachdem, ob es sich um einen ungebetenen Gast - einen Eindringling! - handelt oder eine nette Affäre, fühlt man sich mit ihm kuschelig bis schuldig. So hinterlistig wie er herein geschlichen kam, so mühsam bekommt man ihn wieder hinaus bugsiert. Ein hartnäckiger Zeitgenosse.

Bisher hielt ich eine knackige Karotte für einen recht delikaten Snack. Unkompliziert, günstig und beständig in ihrer Qualität. Bis ich einen Finger ins Honigglas steckte. Warum spricht man davon, "Blut geleckt zu haben"? Wem schon mal ein Stück Schokolade auf der Zunge zerging, wird dieses Erlebnis sicherlich eindrücklicher im Gedächtnis behalten haben als das Blutgeschlotze. Das muss es sein, das süße Leben. Kartoffeln machen satt, Kakao glücklich.

Wie kann ich auf Drogenabhängige herabschauen, wenn Versuchung so schnell zur Sucht werden kann? Wer das bestreitet, hat noch nie Schokolade geschmeckt, Bier getrunken oder geküsst.


Ist es nicht das, was das Leben ausmacht? Lasst mich als armen Tropf auf dem Gullideckel enden. Nehmt mir alles, was landläufig als "Lebensstandard" bezeichnet wird. Solange liebe Menschen um mich sind und frische Luft meine Nasenlöcher und meinen Kopf weitet, kann ich leben. Nicht existieren. Leben.
Den Unterschied scheine ich erst jetzt zu begreifen. Nun kann ich mir in den Allerwertesten beißen, dass das so lange gedauert hat und die verlorene Zeit betrauern. Oder ich bin froh und dankbar, dass ich diese Lektion lernen und das Gegenteil der bitteren Pille, nämlich den Honig, kosten darf. Wenn das zur Gewohnheit wird, habe ich nichts dagegen. Bleib ruhig, Wonne.

Sonntag, 7. August 2016

Hey ho, let's go!

Wer aufmerksam meine Aufzeichnungen studierte, weiß vielleicht, dass ich anfangs das ein oder andere Problemchen, oder nennen wir es fachdeutsch, "Anpassungsschwierigkeiten", hatte. Vielleicht war ich ein deutscher Stecker in einer bolivianischen Steckdose- ohne Adapter. Zwischendurch fiel der Strom aus, das Kabel brach oder die Steckdose war besetzt. Kurz: Es lief (oder eher floss) nicht immer.
Aber wenn ich steckte, dann fest, dann schoss der Strom so durch meine Fasern, dass sich eine Techniknulpe (höhö. Da bin natürlich nicht ich gemeint ;) ) gelegentlich mal ordentlich eine gewischt bekommen konnte. Aber Stromschläge regen ja bekanntlich die Hirnaktivität an :)
Was in den letzten Wochen passierte:

- Mellis und Wiebkes Jugendzentrum wurde neues Make-Up verpasst, und ich beschmierte mehr mich selbst als die Wände.

- Die comarapenischen Gefilde wurden von einer weiteren Schar Allemannen invadiert: Wiebkes Familie brachte ein wenig Deutschland (konkret: SCHOKOLADE!) mit in die trockenen Weiten Boliviens.

- Der Kindergarten veransteltete wieder mal ein lustiges Drehen, Hüpfen und Extremitäten-Schwingen. Ich selbst raffte leider noch weniger von der Bewegungsabfolge der gimnasia (rythmische Sportgymnastik) als meine bambini. So stand ich in meinem knallorangenen Gymnastikanzügchen eigentlich nur irritiert in der Landschaft herum.


- Wohl verursacht durch einen kurzzeitigen Aussetzer oben erwähnter Gehirnaktivität beschloss ich vor ein paar Wochen, ein 14-Kilometer-Lauf sei doch eine super neue Herausforderung und keine völlig bekloppte,  durch röstende Sonne führende Tortur. Auf dem letzten Loch pfeifend schob ich mich in Comarapa ins Ziel und landete in meiner Kategorie auf dem vierten Platz. Von fünf Teilnehmerinnen.


- Mein Abschied wurde viermal zum Anlass genommen, sich mal wieder richtig die Wampe voll zu schlagen. Hatte mein Vegetariertum im Vorfeld zu mittelgroßer Ratlosigkeit bezüglich des Menüs geführt, bekam ich dann Salate unterschiedlichen Mayonnaisegehalts, was auf den Gesichtern der Teilnehmenden nicht immer zu rosiger Verzückung spiegelte. Die Mitarbeiterinnen des Kindergartens bereiteten ein typisches Gericht Comarapas zu - K'jachas, gebratener Käse mit Mais und Kartoffeln-, das ich in einem Jahr nicht auf die Reihe gebracht hatte, zu essen. Ich bekam alles an Geschenken, was der comarapenische Markt hergab, darunter eine wunderschöne Ledertasche, einen Schal aus Alpakawolle und, mein schönstes Geschenk, eine individualisierte (!) Bastelei von einem Kind.
Abendessen mit den Lehrerinnen des Kindergartens
Das da auf der Torte bin ich (oder ein Bild von mri)



- Auch eine Erfahrung: Das Mittagessen bei den Hermanas. Vor jeder Aussage analysierte ich diese mental auf möglicherweise anti-religiösen oder gar ketzerischen Inhalt, die Hermanas jedoch scherzten, was die Kutte hielt. Sie brachten eine zu Besuch angereiste deutsche Schwester nach Santa Cruz zum Flughafen und so kam ich noch zu einem kostenlosen und deutlich verkürzten Transport mit meinen zwei Koffern, die einen Gewichtheber an den Rand seiner Fähigkeiten gebracht hätte.

All diese (mehr oder minder) rührseligen Momente lasse ich nun Revue passieren, während im Schein einer Bienenwachskerze eine Träne auf das Papyrus vor mir tropft. In bittersüßer Erinnerung an mein nicht immer fest eingestecktes Jahr in Bolivien...
Geschenke von den Kindern (ich dachte, sie hassten mich total)

Ne Spaß. Tränchen sind zwar ein paar geronnen, aber wie mir alle ununterbrochen versichern: Du gewöhnst dich auch hier wieder ein (Hallo? Ich hab hier noch nicht EIN cunape gesichtet), du solltest dich über das Wiedersehen mit deiner Familie (oder dem Häufchen Nasen, die davon übrig geblieben sind) freuen, denk nur an all die coolen Dinge, die du hier wieder unternehmen kannst (Fahrradfahren im Regen? Um fünf Uhr nachmittags die Lampe einzuschalten, weil die Sonne im Winter ab halb fünf nachmittags auch keinen Bock mehr hat?)
Aber ja. Ich kann nicht leugnen, dass mir der Blick aus meinem Fenster auf  hohe, hellgrüne Bäume gefällt. Ach ja, und da wären noch solche Sachen wie Bier. Eine warme Dusche. Wlan (und das schreibe ich mit großer Scham hier hinein).
Ich gebe mein Bestes, um kein alle verbessernder Weltretter zu sein. Man sieht sich!
P.S.: Ein Video voller Bilder, die meine Eindrücke in Bolivien von Anfang bis Ende widerspiegeln, findet ihr hier:
https://www.youtube.com/watch?v=5xxSbIXgfeQ


Montag, 25. Juli 2016

Warum man Bolivianer moegen muss

www.pinterest.com
Typisch deutsch- das ist für mich, nun mit etwas Abstand, Pünktlichkeit, Ordnung, Büokratie, Industrie (oder arbeitet ihr in eurer Freizeit gelegentlich auf dem Feld? ;) ) und eine gewisse kühle – nennen wir es Distanz. Checkt man in einem Hotel ein, werden eingeübte Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, auf den Cent genau bezahlt und sachlich die Details abgeklärt. In den meisten Buden in Bolivien sucht man erstmal den Verantwortlichen oder dessen Schwester, Schwiegersohn oder Neffen dritten Grades. Der kommt verpennt, mit drei Kindern im Schlepptau oder im weiblichen Falle mit Lockenwicklern in der Frise angelatscht.  Man wirft sich Satzfetzen zu, der Preis hängt von der Bereitschaft des „Verantwortlichen“ zur Verhandlung ab. Niedergeschrieben wird hier außer dem Namen des Gastes meist nichts. Von Anfang an ist man auf Du und meist ist auch ein kleines Pläuschchen im Zimmerpreis enthalten.
Gutes Essen hat Prioritaet
Wenn der Bolivianer Fremdes oft mit einer Mischung aus Misstrauen und leichter Ablehnung beobachtet, siegt am Ende die Neugierde. „Woher kommst du? Wie ist Deutschland?“ Ja, wie ist Deutschland? Anders. Kälter. Schnee. Es gibt quasi für alles die entsprechende Maschine. „Wie lange fährt man mit dem Bus nach Deutschland?“ Mit einem Unterseebus könnte das ein Weilchen dauern, ohne endet man wahrscheinlich wie die Titanic.
Wenn die Neugier der Bolivianer groß ist, dann hat ihr Herz die Größe eines Fußballfelds. Was man an Essbarem hat, und sei es auch wenig, wird geteilt. So oft, wie einem ein Glas mit alkoholhaltigem Inhalt unter die Nase gehalten wird, ist man nach einer Stunde in einer boliche (Tanz- & Trinkschuppen) jedermanns Freund und blauer als der Elefant aus der Sendung mit der Maus. Abschlagen gilt nicht. Ebenso wenig wie Einladungen zum Tanz. Auch mit zwei linken Füßen oder ohne Hüfte hat man sich auf die Tanzfläche zu schleifen. Ja, liebe Skeptiker, diese Freundlichkeit ist nicht immer echt. Aber das muss das Gegenüber ja nicht wissen ;)

Wo wir bei Kritik sind: Die ist hier schwerer verdaulich als halbrohes Fleisch. Sich gegenseitig sein Fehlverhalten aufs Brot zu schmieren, ist nicht üblich und kann bei dem Kritisierten eine mittelschwere Krise auslösen. Hat man etwas falsch gemacht, wird zwar hinter vorgehaltener Hand darüber getuschelt, man selbst bleibt ahnungslos. Als ich anfangs den Boden wischte, stand er regelmäßig unter Wasser, bis mir vorsichtig die Funktionsweise des Mopps nähergebracht wurde. Das mag im Alltag einiges erschweren, vermeidet aber beleidigte Leberwürste.
Nächstenliebe und Bescheidenheit wird hier groß geschrieben, was nicht zuletzt auf die alles dominierende Rolle der Kirche zurückzuführen ist. Ich kann gar nicht zählen, wie oft der Segen der Jungfrau Maria hier gewünscht wurde. Da die katholische Kirche, wie wir vermutlich alle mal haben munkeln hören, vorsichtig ausgedrückt nicht so begeistert ist von Themen wie Homosexualität, Abtreibung oder Selbstmord, trifft man hier mitunter auf recht krasse Ansichten. „Die Natur hat Mann und Frau zur Fortpflanzung ausersehen, darum sind gleichgeschlechtliche Paare gegen die Natur.“ Das Totschlagargument für Homophobie. Dass sich Männlein und Weiblein hier vielleicht ein bisschen früh „paaren“ und mit 15 und ohne Ausbildung kleine Gottessöhne in die Welt setzen… Na ja. Das ist ein anderes Thema.

Familie ist hier alles. Halb Comarapa ist über beliebig viele Ecken miteinander verwandt, sodass bei Familienfesten auch immer die halbe Dorfbevölkerung aufläuft. Wunderbar, um sich über den neuesten Tratsch zu informieren und Gerüchte ins Unendliche zu verdrehen.
Nach Familie und Glaube kommt direkt die Arbeit, mit der der durchschnittliche Bolivianer deutlich mehr als die in Deutschland Burnout-gefährendenden 40 Stunden die Woche verbringt. Urlaub? Is nich. Man wohnt, isst und quatscht an der Arbeitsstelle. Manchmal frage ich mich, ob die Ausstattung des bolivianischen Körpers mit Schlafhormonen vergessen wurde.

Erlebe ich diesen Elan, die Seelenruhe, mit der Bolivianer „Probleme“ (oder die deutsche Definition davon) angehen und die Fröhlichkeit, die sie trotz harter Lebensumstände versprühen, komme ich mir undankbar vor und verurteile mein Jammern. Vielleicht ist das eines der vielen Dinge, die ich in diesem Jahr gelernt habe. Meistens ist es nicht so schlimm, wie wir es uns ausmalen.

Sonntag, 10. Juli 2016

Zu Besuch bei Omi

Ein weitläufiges Haus, ein großer Innenhof mit Bänken zum Ausruhen, ein Garten voller Rosen. Gemälde zieren die Wände, ein Flachbildfernseher das Wohnzimmer. Jähes Geschrei zerreißt diese Idylle.
Wir befinden uns im Altenheim Santo Domingo, und der Bewohnerin Perfecta passt irgendetwas so gar nicht. Wer oder was der Störfaktor ist, kann nicht ausgemacht werden. Wie einige andere ist Perfecta stumm. Das ist eines der vielen Dinge, die man hier lernt: Sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Dann gibt es noch die Fäkalien, mit denen man sich intensiv auseinandersetzen muss. Zur Erhaltung eurer hoffentlich guten Laune gehe ich an dieser Stelle nicht weiter ins Detail.
Menschen altern unterschiedlich- das kann man an den etwa 35 Omis und Opis hier beobachten. Da gibt es die, die einfach nur ihre Ruhe haben und vor sich hin dösen möchten. Die, die bitterer sind als jeder türkische Mokka und sich auf Krawall gebürstet über eine Druckstelle an ihrer Kartoffel echauffieren. Manchen jedoch – und das verblüfft mich immer wieder- scheint nicht mal die verlorene Sehkraft oder ihr Rollstuhl ihren Humor zu nehmen. Vergesse ich Anita mal wieder eine halbe Stunde auf dem Klo, grinst sie mich keck aus ihrem fahrenden Untersatz an. Dona Elizabeth produziert die feinsten Häkelarbeiten, die ich hier in Bolivien gesehen habe. Ach ja, und dann gibt es noch die, die gelinde gesagt nicht mehr ganz in dieser Welt leben. Die auf ihren Gummilatschen „Flöte spielen“ und die Akustik dazu selbst brummen. Die auf allen Vieren durchs Blumenbeet kriechen. Die wild gestikulierend unsichtbare Geschöpfe auf Kniehöhe anbrüllen. Aber hier ist keiner mehr taufrisch, und jeder Einzelne macht diesen bunt zusammen gewürfelten Haufen liebenswert.

Den Haufen schmeißen drei PflegerInnen und Küchen-, Wasch- und Reinigungspersonal. Ein Knochenjob mit sechs Arbeitstagen pro Woche und unverhältnismäßiger Bezahlung. Die Oldies bleiben dabei manchmal auf der Strecke. Was harte Tage aufhellt: Das gemeinsame Essen, die Tratschereien, Sticheleien und Witze und der freundliche Umgang (zumindest vornerum). Hier werden Geburtstage gefeiert, Lebensentscheidungen getroffen, Ratschläge gegeben und manchmal auch gezofft.

Schräg ist das Duschen: Auf mehr oder weniger großen Widerstand stößt man immer, und manchmal bekommt man eine gewischt. Oder wird angepinkelt. 
Anita- 1,50 m Lebensfreude
Meinen Namen weiss hier kaum einer - meistens wird einfach "chocita" (Blondie) gebruellt, und ich komme angedackelt. Meistens ist dann ein Pinkelgang noetig, irgendein Koerperteil schmerzt oder es wird nach Nahrung verlangt. Oder Dona Lola fragt mich zum wiederholten Male, ob ich ihre Tochter gesehen habe. 
Wir altern alle, und keiner weiss, was aus uns wird. Ob wir dement, verbittert oder wehleidig werden. Das ruft man sich ins Gedaechtnis, wenn einem der Geduldsfaden zu zerreissen droht vor lauter Gemecker.
So wache ich morgens von den Schreien der Omis und Opis auf und bin dankbar, dass ich noch alleine aufstehen kann.