Sonntag, 7. August 2016

Hey ho, let's go!

Wer aufmerksam meine Aufzeichnungen studierte, weiß vielleicht, dass ich anfangs das ein oder andere Problemchen, oder nennen wir es fachdeutsch, "Anpassungsschwierigkeiten", hatte. Vielleicht war ich ein deutscher Stecker in einer bolivianischen Steckdose- ohne Adapter. Zwischendurch fiel der Strom aus, das Kabel brach oder die Steckdose war besetzt. Kurz: Es lief (oder eher floss) nicht immer.
Aber wenn ich steckte, dann fest, dann schoss der Strom so durch meine Fasern, dass sich eine Techniknulpe (höhö. Da bin natürlich nicht ich gemeint ;) ) gelegentlich mal ordentlich eine gewischt bekommen konnte. Aber Stromschläge regen ja bekanntlich die Hirnaktivität an :)
Was in den letzten Wochen passierte:

- Mellis und Wiebkes Jugendzentrum wurde neues Make-Up verpasst, und ich beschmierte mehr mich selbst als die Wände.

- Die comarapenischen Gefilde wurden von einer weiteren Schar Allemannen invadiert: Wiebkes Familie brachte ein wenig Deutschland (konkret: SCHOKOLADE!) mit in die trockenen Weiten Boliviens.

- Der Kindergarten veransteltete wieder mal ein lustiges Drehen, Hüpfen und Extremitäten-Schwingen. Ich selbst raffte leider noch weniger von der Bewegungsabfolge der gimnasia (rythmische Sportgymnastik) als meine bambini. So stand ich in meinem knallorangenen Gymnastikanzügchen eigentlich nur irritiert in der Landschaft herum.


- Wohl verursacht durch einen kurzzeitigen Aussetzer oben erwähnter Gehirnaktivität beschloss ich vor ein paar Wochen, ein 14-Kilometer-Lauf sei doch eine super neue Herausforderung und keine völlig bekloppte,  durch röstende Sonne führende Tortur. Auf dem letzten Loch pfeifend schob ich mich in Comarapa ins Ziel und landete in meiner Kategorie auf dem vierten Platz. Von fünf Teilnehmerinnen.


- Mein Abschied wurde viermal zum Anlass genommen, sich mal wieder richtig die Wampe voll zu schlagen. Hatte mein Vegetariertum im Vorfeld zu mittelgroßer Ratlosigkeit bezüglich des Menüs geführt, bekam ich dann Salate unterschiedlichen Mayonnaisegehalts, was auf den Gesichtern der Teilnehmenden nicht immer zu rosiger Verzückung spiegelte. Die Mitarbeiterinnen des Kindergartens bereiteten ein typisches Gericht Comarapas zu - K'jachas, gebratener Käse mit Mais und Kartoffeln-, das ich in einem Jahr nicht auf die Reihe gebracht hatte, zu essen. Ich bekam alles an Geschenken, was der comarapenische Markt hergab, darunter eine wunderschöne Ledertasche, einen Schal aus Alpakawolle und, mein schönstes Geschenk, eine individualisierte (!) Bastelei von einem Kind.
Abendessen mit den Lehrerinnen des Kindergartens
Das da auf der Torte bin ich (oder ein Bild von mri)



- Auch eine Erfahrung: Das Mittagessen bei den Hermanas. Vor jeder Aussage analysierte ich diese mental auf möglicherweise anti-religiösen oder gar ketzerischen Inhalt, die Hermanas jedoch scherzten, was die Kutte hielt. Sie brachten eine zu Besuch angereiste deutsche Schwester nach Santa Cruz zum Flughafen und so kam ich noch zu einem kostenlosen und deutlich verkürzten Transport mit meinen zwei Koffern, die einen Gewichtheber an den Rand seiner Fähigkeiten gebracht hätte.

All diese (mehr oder minder) rührseligen Momente lasse ich nun Revue passieren, während im Schein einer Bienenwachskerze eine Träne auf das Papyrus vor mir tropft. In bittersüßer Erinnerung an mein nicht immer fest eingestecktes Jahr in Bolivien...
Geschenke von den Kindern (ich dachte, sie hassten mich total)

Ne Spaß. Tränchen sind zwar ein paar geronnen, aber wie mir alle ununterbrochen versichern: Du gewöhnst dich auch hier wieder ein (Hallo? Ich hab hier noch nicht EIN cunape gesichtet), du solltest dich über das Wiedersehen mit deiner Familie (oder dem Häufchen Nasen, die davon übrig geblieben sind) freuen, denk nur an all die coolen Dinge, die du hier wieder unternehmen kannst (Fahrradfahren im Regen? Um fünf Uhr nachmittags die Lampe einzuschalten, weil die Sonne im Winter ab halb fünf nachmittags auch keinen Bock mehr hat?)
Aber ja. Ich kann nicht leugnen, dass mir der Blick aus meinem Fenster auf  hohe, hellgrüne Bäume gefällt. Ach ja, und da wären noch solche Sachen wie Bier. Eine warme Dusche. Wlan (und das schreibe ich mit großer Scham hier hinein).
Ich gebe mein Bestes, um kein alle verbessernder Weltretter zu sein. Man sieht sich!
P.S.: Ein Video voller Bilder, die meine Eindrücke in Bolivien von Anfang bis Ende widerspiegeln, findet ihr hier:
https://www.youtube.com/watch?v=5xxSbIXgfeQ


Montag, 25. Juli 2016

Warum man Bolivianer moegen muss

www.pinterest.com
Typisch deutsch- das ist für mich, nun mit etwas Abstand, Pünktlichkeit, Ordnung, Büokratie, Industrie (oder arbeitet ihr in eurer Freizeit gelegentlich auf dem Feld? ;) ) und eine gewisse kühle – nennen wir es Distanz. Checkt man in einem Hotel ein, werden eingeübte Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, auf den Cent genau bezahlt und sachlich die Details abgeklärt. In den meisten Buden in Bolivien sucht man erstmal den Verantwortlichen oder dessen Schwester, Schwiegersohn oder Neffen dritten Grades. Der kommt verpennt, mit drei Kindern im Schlepptau oder im weiblichen Falle mit Lockenwicklern in der Frise angelatscht.  Man wirft sich Satzfetzen zu, der Preis hängt von der Bereitschaft des „Verantwortlichen“ zur Verhandlung ab. Niedergeschrieben wird hier außer dem Namen des Gastes meist nichts. Von Anfang an ist man auf Du und meist ist auch ein kleines Pläuschchen im Zimmerpreis enthalten.
Gutes Essen hat Prioritaet
Wenn der Bolivianer Fremdes oft mit einer Mischung aus Misstrauen und leichter Ablehnung beobachtet, siegt am Ende die Neugierde. „Woher kommst du? Wie ist Deutschland?“ Ja, wie ist Deutschland? Anders. Kälter. Schnee. Es gibt quasi für alles die entsprechende Maschine. „Wie lange fährt man mit dem Bus nach Deutschland?“ Mit einem Unterseebus könnte das ein Weilchen dauern, ohne endet man wahrscheinlich wie die Titanic.
Wenn die Neugier der Bolivianer groß ist, dann hat ihr Herz die Größe eines Fußballfelds. Was man an Essbarem hat, und sei es auch wenig, wird geteilt. So oft, wie einem ein Glas mit alkoholhaltigem Inhalt unter die Nase gehalten wird, ist man nach einer Stunde in einer boliche (Tanz- & Trinkschuppen) jedermanns Freund und blauer als der Elefant aus der Sendung mit der Maus. Abschlagen gilt nicht. Ebenso wenig wie Einladungen zum Tanz. Auch mit zwei linken Füßen oder ohne Hüfte hat man sich auf die Tanzfläche zu schleifen. Ja, liebe Skeptiker, diese Freundlichkeit ist nicht immer echt. Aber das muss das Gegenüber ja nicht wissen ;)

Wo wir bei Kritik sind: Die ist hier schwerer verdaulich als halbrohes Fleisch. Sich gegenseitig sein Fehlverhalten aufs Brot zu schmieren, ist nicht üblich und kann bei dem Kritisierten eine mittelschwere Krise auslösen. Hat man etwas falsch gemacht, wird zwar hinter vorgehaltener Hand darüber getuschelt, man selbst bleibt ahnungslos. Als ich anfangs den Boden wischte, stand er regelmäßig unter Wasser, bis mir vorsichtig die Funktionsweise des Mopps nähergebracht wurde. Das mag im Alltag einiges erschweren, vermeidet aber beleidigte Leberwürste.
Nächstenliebe und Bescheidenheit wird hier groß geschrieben, was nicht zuletzt auf die alles dominierende Rolle der Kirche zurückzuführen ist. Ich kann gar nicht zählen, wie oft der Segen der Jungfrau Maria hier gewünscht wurde. Da die katholische Kirche, wie wir vermutlich alle mal haben munkeln hören, vorsichtig ausgedrückt nicht so begeistert ist von Themen wie Homosexualität, Abtreibung oder Selbstmord, trifft man hier mitunter auf recht krasse Ansichten. „Die Natur hat Mann und Frau zur Fortpflanzung ausersehen, darum sind gleichgeschlechtliche Paare gegen die Natur.“ Das Totschlagargument für Homophobie. Dass sich Männlein und Weiblein hier vielleicht ein bisschen früh „paaren“ und mit 15 und ohne Ausbildung kleine Gottessöhne in die Welt setzen… Na ja. Das ist ein anderes Thema.

Familie ist hier alles. Halb Comarapa ist über beliebig viele Ecken miteinander verwandt, sodass bei Familienfesten auch immer die halbe Dorfbevölkerung aufläuft. Wunderbar, um sich über den neuesten Tratsch zu informieren und Gerüchte ins Unendliche zu verdrehen.
Nach Familie und Glaube kommt direkt die Arbeit, mit der der durchschnittliche Bolivianer deutlich mehr als die in Deutschland Burnout-gefährendenden 40 Stunden die Woche verbringt. Urlaub? Is nich. Man wohnt, isst und quatscht an der Arbeitsstelle. Manchmal frage ich mich, ob die Ausstattung des bolivianischen Körpers mit Schlafhormonen vergessen wurde.

Erlebe ich diesen Elan, die Seelenruhe, mit der Bolivianer „Probleme“ (oder die deutsche Definition davon) angehen und die Fröhlichkeit, die sie trotz harter Lebensumstände versprühen, komme ich mir undankbar vor und verurteile mein Jammern. Vielleicht ist das eines der vielen Dinge, die ich in diesem Jahr gelernt habe. Meistens ist es nicht so schlimm, wie wir es uns ausmalen.

Sonntag, 10. Juli 2016

Zu Besuch bei Omi

Ein weitläufiges Haus, ein großer Innenhof mit Bänken zum Ausruhen, ein Garten voller Rosen. Gemälde zieren die Wände, ein Flachbildfernseher das Wohnzimmer. Jähes Geschrei zerreißt diese Idylle.
Wir befinden uns im Altenheim Santo Domingo, und der Bewohnerin Perfecta passt irgendetwas so gar nicht. Wer oder was der Störfaktor ist, kann nicht ausgemacht werden. Wie einige andere ist Perfecta stumm. Das ist eines der vielen Dinge, die man hier lernt: Sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Dann gibt es noch die Fäkalien, mit denen man sich intensiv auseinandersetzen muss. Zur Erhaltung eurer hoffentlich guten Laune gehe ich an dieser Stelle nicht weiter ins Detail.
Menschen altern unterschiedlich- das kann man an den etwa 35 Omis und Opis hier beobachten. Da gibt es die, die einfach nur ihre Ruhe haben und vor sich hin dösen möchten. Die, die bitterer sind als jeder türkische Mokka und sich auf Krawall gebürstet über eine Druckstelle an ihrer Kartoffel echauffieren. Manchen jedoch – und das verblüfft mich immer wieder- scheint nicht mal die verlorene Sehkraft oder ihr Rollstuhl ihren Humor zu nehmen. Vergesse ich Anita mal wieder eine halbe Stunde auf dem Klo, grinst sie mich keck aus ihrem fahrenden Untersatz an. Dona Elizabeth produziert die feinsten Häkelarbeiten, die ich hier in Bolivien gesehen habe. Ach ja, und dann gibt es noch die, die gelinde gesagt nicht mehr ganz in dieser Welt leben. Die auf ihren Gummilatschen „Flöte spielen“ und die Akustik dazu selbst brummen. Die auf allen Vieren durchs Blumenbeet kriechen. Die wild gestikulierend unsichtbare Geschöpfe auf Kniehöhe anbrüllen. Aber hier ist keiner mehr taufrisch, und jeder Einzelne macht diesen bunt zusammen gewürfelten Haufen liebenswert.

Den Haufen schmeißen drei PflegerInnen und Küchen-, Wasch- und Reinigungspersonal. Ein Knochenjob mit sechs Arbeitstagen pro Woche und unverhältnismäßiger Bezahlung. Die Oldies bleiben dabei manchmal auf der Strecke. Was harte Tage aufhellt: Das gemeinsame Essen, die Tratschereien, Sticheleien und Witze und der freundliche Umgang (zumindest vornerum). Hier werden Geburtstage gefeiert, Lebensentscheidungen getroffen, Ratschläge gegeben und manchmal auch gezofft.

Schräg ist das Duschen: Auf mehr oder weniger großen Widerstand stößt man immer, und manchmal bekommt man eine gewischt. Oder wird angepinkelt. 
Anita- 1,50 m Lebensfreude
Meinen Namen weiss hier kaum einer - meistens wird einfach "chocita" (Blondie) gebruellt, und ich komme angedackelt. Meistens ist dann ein Pinkelgang noetig, irgendein Koerperteil schmerzt oder es wird nach Nahrung verlangt. Oder Dona Lola fragt mich zum wiederholten Male, ob ich ihre Tochter gesehen habe. 
Wir altern alle, und keiner weiss, was aus uns wird. Ob wir dement, verbittert oder wehleidig werden. Das ruft man sich ins Gedaechtnis, wenn einem der Geduldsfaden zu zerreissen droht vor lauter Gemecker.
So wache ich morgens von den Schreien der Omis und Opis auf und bin dankbar, dass ich noch alleine aufstehen kann. 

Mittwoch, 29. Juni 2016

Zum Wein(en)

Dieser Genuss, wenn ein edler Tropfen den Rachen hinunterrollt wie fluessiges Gold. Der fruchtig-herbe Nachklang, der Aromen von weissfleischigem Pfirsich mit bittersuessem Zimt vereint...
Habt ihr jemals solche Sinesfreuden verspuert? Ich auch nicht. Wein liess mich bisher noch nie in himmlischen Sphaeren schweben, sondern schwebte meistens in meinen Kopf hinauf, wo er mir am naechsten Tag ein sanftes, aber bestaendiges Pochen verursachte. Aber man soll ja offen sein fuer Neues, und so machte ich mich von Cochabamba auf die 15 stuendige Reise nach Tarija, das drei Stunden von der argentinischen Grenze entfernt im Sueden Boliviens liegt und fuer seinen guten Wein beruehmt ist. Bei der Ankunft taute ich erstmal mein Eisbein auf, damit mich dieses auf der Suche nach einem Hostel durch Tarijas Zentrum tragen konnte. Ich passierte eine Parade mit Humpa Humpa und Taeterae, bevor ich endlich mein Ziel und dort Chrissi fand.
Zusammen durchlatschten wir Tarija, das durch absolute Sauberkeit (koi Bombobabbierle weit und breit) und wunderschoene Villen glaenzt. Dass es hier in etwa so viel Geld wie Weintrauben gibt, zeigten zahlreiche Plazas und zwei schmucke Aussichtsplaetze (einer in Form eines Weinglases, sie koennen es nicht lassen).
Am zweiten Tag liessen wir uns ins Umland zu einer Winzerei fahren, um uns die Produktion des famosen Traubensaeftchens erklaeren zu lassen. Als man uns ein Schlueckchen der Kostbarkeiten anbot, wechselten wir hilflose Blicke: Weder war uns der Unterschied zwischen Merlot und Sauvignon vertraut noch, wie man ein Weinglas ueberhaupt haelt :). Unser eigentliches Interesse galt aber sowieso dem Tapasteller vor uns (richtiger Kaese!). Den Singani, Boliviens Nationalspirituose, kippten wir mit derartiger Gesichtsgymnastik hinunter, dass selbst eine von meinen halb-blinden Omis unsere Abscheu erkannt haette. Genuss ist anders. Auch die klebrig suessen Fruchtweine in der Casa Vieja, der beliebtesten Spelunke rund um Tarija, sagten unseren geschulten Gaumen (haha) nicht zu. Auch wenn ich meinem geliebten Hopfensaft immer die Treue halten werde - die Landschaft und der Schwips waren's wert.
Spaeter trafen wir uns mit unserer Mitfreiwilligen Duygu, die in den entlegeneren Provinzen ein Projekt vorantreibt, dass sich um den Schulbesuch der Kinder aus den Doerfern kuemmert. Genau dorthin nahm sie uns auch am Tag darauf mit: Im Hochland auf knapp 4000 Metern, zwei Stunden von Tarija-Stadt entfernt, stapften wir vier Stunden ueber Duenen und an einer glitzernd blauen Lagune voller Flamingos vorbei. Wieder einmal haute uns die Schoenheit Boliviens um.
Auf der Rueckfahrt platzte ein Reifen, was Duygu nur mit einem Schulterzucken quittierte. Alltag hier.
Es war Mittsommernacht (San Juan oder Johannisnacht), und wir taperten feierlustig umher, im Visier: Irgendeine Form von Festivitaet. Wir haetten sogar Schuhplattler getanzt, aber- Fehlanzeige. Entweder schnarchte Tarija schon tief und fest oder wir hatten den Hotspot verpasst. Jedenfalls endeten wir in einem deutschen Restaurant, das zwar ueber einen faehigen DJ verfuegte, jedoch nicht ueber Publikum und auch kein deutsches Bier. Inmitten von Anwaelten in Anzuegen tranken wir es uns lustig und tanzten gegen halb vier heim. Ja, wir tanzten.
Entsprechend ausgeschlafen schoben wir uns am Freitag nach San Lorenzo, ein naheglegenes Dorf voller weisser Kolonialhaeuser, das fuer sein Gebaeck bekannt ist. Wir besuchten ein Museum, von dem wir nachher nicht mehr sagen konnten, worum es sich drehte, und sassen die restliche Zeit futternd herum.
Dann packte ich mich auch schon in den Bus nach Santa Cruz, den Chrissi nach all den Schauergeschichten, die man uns ueber die Strecke erzaehlt hatte, geflissentlich mied. Ich war zu geizig fuer einen Flug und nahm ein bisschen Geruckele oder eventuell das Umkippen des Busses (haha) in Kauf. Nichts von alledem passierte: Ich legte mich aufs Ohr und schlummerte bis zur Ankunft selig. In Santa Cruz verirrte ich mich mal wieder im Micro-Chaos und dueste stundenlang unnuetz herum. Aber alles halb so wild, wenn man Urlaub hat!

Ich hoffe, auch ihr konntet ausfliegen oder bratet in der deutschen Sonne! Habe irgendwo etwas fluestern gehoert, dass in Europa gerade irgendwas mit Fussball ist...? Stimmt das?

Montag, 27. Juni 2016

Ausflug in die Natur oder: das große Speien

Fährt einer in die Ferne
Und isst dazu noch gerne
Geht’s ihm mit etwas Pech
Gelegentlich mal schlecht.

So holperten meine Mitfreiwillige Lea aus Santa Cruz und ich eines sonnigen Samstagmorgens von Cochabamba ins vier Stunden entfernte Bergdörfchen Toro Toro. Wir waren hungrig nach neuen Abenteuern, nach Schluchten und Wasserfällen und dem Duft der Wildnis. Statt Wohlgeruch zog uns beim Ankommen eisige Kälte unter den Pelz, das Dorf war ein von jeglichem Empfang abgeschnittener  Fleck inmitten einer virtuell vernetzten Welt, und meine geliebten Karotten konnte ich auch nicht finden. Dafür wartete das 300-Einwohner-Kaff mit nächtlicher Unterhaltung auf: Ein junger Mitbürger, der am UN-Einsatz im Kongo teilgenommen hatte, feierte die Rückkehr in seine Heimat und hatte glatt das ganze Dorf eingeladen. Touris included. Nach vielen Ehrungen und noch mehr Chicha (Maisbier) legte die extra eingeflogene Band aus Argentinien los und Lea schwang das Tanzbein. Letzteres drohte mir abzufrieren, weswegen ich mein Bett einem lustigen Tänzchen vorzog.
Mein Schlaf wurde jäh unterbrochen, als jemand neben mir nach Ulf rief – wenn ihr wisst, was ich meine. Wie sich am nächsten Tag, nachdem Lea ihren Mageninhalt in feinen Portiönchen komplett entleert hatte, herausstellte, hatte sie sich gründlich den Magen verdorben.
Am Sonntag früh brachen wir mit Führer und einer Gruppe Bolivianer auf und fuhren in die Berge des Nationalparks Toro Toro hinauf. Hier hatte vor etwa 500 Jahren ein Volk Höhlen entdeckt, in denen sie geschützt vor Wind und Kälte leben konnten. Wo früher Meer gewesen war, hatte das Wasser die Sandsteinfelsen ausgehöhlt. Was ich für rote Flecken hielt, waren von  Menschen hinterlassene Malereien. Lea hatten wir auf halber Strecke zurücklassen müssen. Friedlich schlummernd holten wir sie auf dem Rückweg wieder ab.



Wieso denn nur spazieren,
wenn man auch kraxeln kann?
So auf allen Vieren
Fängt der Spaß erst an!
Oder so wie ich
Macht man sich fast ins Hemde
Bekreuzigt sich
und denkt an sein sicheres Ende.

Leider habe ich keine Fotos, aber so in etwa kraxelten wir herum
Foto: www.la-razon.com
Der zweite Teil des Ausflugs ging in eine Tropfsteinhöhle hinab. Wer an Treppen und Geländer denkt, irrt sich – der Bolivianer klettert die Steine hinunter. So schön die Stalagmiten und –titen auch anzusehen waren – ich hätte sie lieber ohne Angst um mein Leben bewundert. Wir falteten uns zusammen, um in Spalte zu kriechen, in die man mit einer Schokotorte zu viel im Bauch nicht hineinkommt. Unter der Erde war eine ganz eigene Welt entstanden, mit Höhlen, Tunneln und einem See mit blinden Fischen (ich weiß, die gibt es in humaner Erscheinung auch über der Erde). Ich dankte mal wieder einem Gott, zu dem ich an diesem Tag starkes Vertrauen entwickelt hatte.

Schließlich schleifte ich die arme Lea ins Dorfkrankenhaus, wo sie Antibiotika und einen fiebersenkenden Pieks in den Po bekam. Nach 13 Stunden Schlaf weckte ich Dornröschen am nächsten Morgen aus dem Koma. Ein weiterer Ausflug kam nicht infrage, die Rückfahrgelegenheiten nach Cochabamba ließen auf sich warten und so hockten wir bis zwölf auf der Dorfplaza und spielten Karten.

Isst du mal aus Verseh‘n
Ne Bakterie oder zwei
Solltest du nicht wandern geh’n

Hab stets ne Tüte dabei!

Mittwoch, 15. Juni 2016

Ein altes Geburtstagskind in Feierlaune


Alle Jahre wieder fiebert jeder Einzelne von uns auf einen Tag hin, einen ganz bestimmten, einen von 365, an dem wir uns selbst mal so richtig feiern dürfen. So putzte sich auch Comarapa, wenn auch schon ein paar Krautherbste älter als die meisten von uns, zu seinem 401. Geburtstag heraus. Tage vorher zogen wir schon mit den Kindern und einer großen Plastiktüte durch die Straßen rund um die Plaza, um sie von Müll zu befreien. Unermüdlich marschierten wir im Garten des Kindergartens im Kreis, um für die große Parade zu üben. Am Freitag, dem Vorabend des Jubiläums, zogen Scharen von comarapenos und „Auswärtigen“ durch die Straße vor dem Coliseo. Die Zuständigen hatten nicht geknausert und eine richtige kleine Kirmes aufgefahren: ein klappriges Riesenrad ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen, eine klapprige Raupe, die ratternd einen Kreis von drei Metern Durchmesser abfuhr, diverse Glücksspiele mit verschwindend geringer Gewinnwahrscheinlichkeit und eine ganze Latte Tischkicker. Sucumbe, heiße Milch mit Singani und Zimt, vertrieb die Kälte und bei so manchem auch die Hemmungen. Hier vergnügte sich das Jungvolk, bis die Zeremonie im coliseo begann. Mit obligatorischer bolivianischer Verspätung haute kurz vor Mitternacht die Band in die Saiten und auf die Pauke und die Menschen stürmten wie die Wilden auf die Tanzfläche. Mit Kontrabass und Charango wurde Folklore gespielt, bis zu späterer Stunde und gestiegenem Alkoholpegel – von den Veranstaltern gut kalkuliert – ein Schnulzballadensänger das Mikrofon übernahm. Da wurde es mir irgendwie zu schleimig.
Pünktlich halb neun schlug ich am Samstagmorgen, 11. Juni, dem Tag der Tage, am vereinbarten Treffpunkt zum Umzug auf. Was fand ich vor? Ein gähnendes Kindergartenpersonal. Keine Kinder weit und breit. Findet den Fehler! Nein, ich befand mich weder am falschen Ort noch hatte ich mich im Tag vertan. Es schien nur schlichtweg jeder außer mir zu wissen, dass das Spektakel niemals um 8.30 starten würde. Bolivianische Zeitangaben sind ungefähr so verlässlich wie die Deutsche Bahn. So standen wir uns mit den erstaunlich geduldigen Pimpfen drei Stunden lang die Beine in den Bauch, bis die Herren Hochwürden ihre Reden beendet hatten, um dann in Uniform zu Marschmusik einmal um die Plaza zu latschen. Dauer: etwa zwei Minuten. Zu beachten war dabei, nicht von den aufgemalten Linien auf dem Boden abzuweichen und möglichst wichtig dreinzuschauen.
In meinem verpennt-hungrigen Zustand drückte mir das bolivianische Fernsehen noch ein Interview aufs Auge, in dem ich vor lauter Aufregung die Fragen nicht verstand und entsprechenden Sondermüll faselte. In meiner Geistesabwesenheit meinte ich zum Schluss noch, Comarapa sei aus meiner Sicht kein besonders attraktives Touristenziel. Dass der Bürgermeister mich nicht sofort höchstpersönlich aus seinem Dorf verbannt hat, ist mir ein Rätsel. Ich kann einfach nicht lügen. Vielleicht sollte ich die nächsten Tage mal ein wenig inkognito bleiben.
Den Samstagabend verbrachten wir mit Tischkickern (nur eine meiner vielen Stärken ;) ) und Bier trinken. Exklusiv für dieses landesweit bekannte Event war mein Mitfreiwilliger Anton angereist und machte sich gleich mal ein paar der hiesigen Mädels klar. Auf dem Markt spielte Comarapas berühmteste Band und die Karaoke platzte aus allen Nähten.
Nach einer langen Nacht und einem entsprechend verdösten Tag setzten wir am Sonntagabend zu einer letzten Runde Tischkicker an, bei der meine Mitfreiwillige Lea aus Santa Cruz uns alle gnadenlos abzog.

Fazit des Wochenendes: Comarapa kann wirklich was reißen! Wer hätte das gedacht?

Samstag, 4. Juni 2016

Bewegung in meinem verschnarchten Leben

Mit der Mutter ist das ja so eine Sache - kommt man auf die Welt, haengt man buchstaeblich an ihr dran. Mit beginnender Pubertaet mausert sie sich langsam zur Reinkarnation der Nervensaege und Besserwisserin. Ist man aus der kritischen Phase heraus, schaetzt man genau diese Fuersorglichkeit und die "oh-mann-wie-ueberfluessigen" Ratschlaege wieder. Als meine Mutter nebenbei anmerkte, mein Zimmer sei nicht wirklich eine Oase der Reinlichkeit, traf mich das mehr, als es das noch vor ein paar Jahren getan haette.
Caporales- ein Folklore-Tanz, bei dem die Maenner
Glocken an den Stiefeln tragen
Monatelang hatte ich mich gefreut, und schliesslich stand sie leibhaftig und schwer bepackt vor mir. Ja, ich gebe es zu, die von ihr mitgebrachte Schokolade mag einen kleinen Teil meiner Wiedersehensfreude ausgemacht haben ;) Nach zwei Wochen Sightseeing in Bolivien schleifte ich mein Muttertier in mein zur Heimat gewordenes Kleinoed, ging mit ihr Pique Macho alias den Fleischberg des Teufels essen und genoss das euch sicher allen bekannte, alles uebertreffende selbst gekochte Essen einer richtigen Mama. Im Kindergarten freundete sie sich direkt mit den Stupsnasen an und heimste haufenweise Komplimente von den Mitarbeiterinnen fuer ihr Aussehen ein. Mit offenen Muendern verfolgten wir das anlaesslich des bevorstehenden Muttertags stattfindende mitreissende Tanzfestival.

Als die Pimpfe aus dem Kinder in neonfarbenen Mini-Trachten zu Tinku, Potosis traditionellem Tanz, auf und ab huepften, war ich mit einer Menge Muetter ganz schoen stolz. Die Proben waren manchmal ein nervlicher Zehnkampf gewesen: Eine 40 Kind starke Mannschaft herumtollender Flummis in Reihen und Kreise zu manoevrieren, erforderte neben schrillen Trillerpfiffen den ein oder anderen Schweisstropfen. Wie sie da unter ihren mit bunten Baendern behaengten Hueten hervorgrinsten und stolz ihre Haxen schwangen, das sah schon sehr niedlich aus.

Meine liebe Erzeugerin loeste sich mit dem naechsten Besuch ab - nach Monaten toter Hose war mal richtig Halligalli hier- und meine Schulfreundin Nora schlug in Santa Cruz auf. Knapp drei Monate war sie durch Suedamerika gereist, hatte Nationalparks, Metropolen und Dschungel gesehen.


Zusammen mit Astrid, einer hollandischen Rucksackreisenden, duesten wir nach Brasilien, um im Pantanal, einer Art Sumpfgebiet, drei Tage Tiere aufzuschnueffeln. Irgendwie hatte ich es beim Packen fuer nicht wichtig befunden, meinen Reisepass mitzunehmen, und so stand ich mit meinem bolivianischen Ausweis an der Grenze und hoerte mir Noras Ruegen an. Klappte alles trotzdem gut, auch, sich am Schalter zum Zahlen der Einreisegebuehr vorbeizuschleichen. Auf einem Nachtspaziergang und einer Wanderung durch die Suempfe (haengst du einmal dick im Schlick, koennen deine Waden baden) erspaehten wir Warzenschweine, Eisvoegel, Affen und eine rote Schlange. Als wir auf dem Boot zum Piranhafischen rausfuhren, hatte ich die Hoffnung schon fast aufgegeben, nachdem ich die Koeder buchstaeblich an die Fische verfuettert, aber keinen einzigen an der Angel gehabt hatte, als Nora ploetzlich ein zappelndes Exemplar am Haken hatte. Da staunte sogar Alan, der gelangweilt im flachen Wasser herumduempelnde Kaiman.
Abends am Lagerfeuer bot unser Guide uns etwas von seinem beruehmten cachaca (Zuckerrohrschnaps) an. Euch ist dieser vermutlich aus dem caipirinha mit Limettensaft und Zucker bekannt. Wir jedenfalls bekamen dieses Teufelsgesoeff in Begleitung von nur ein paar Limetten serviert. Was das fuer eine Schnapsidee (Achtung, Wortwitz!) war, merkte ich am naechsten Morgen. Mein Kopf war schwerer als jedes Warzenschwein, und ich haette in dem schwankenden Boot am liebsten ueber die Rehling gespien. So kurierte ich mein Kaeterchen nachmittags auf der vierstuendigen Fahrt nach Bonito, einer kleinen Stadt weiter im Sueden, aus. Dort fanden wir ein super fancy - oder auf anstaendigem Deutsch luxurioes ausgestattetes - Hostel und den nicht minder krassen Supermarkt. Wir deckten uns gleich mit allerlei in Bolivien nicht erhaeltlichen Guetern (Kaese! Richtiger Kaese!) ein und veranstalteten ein seltsames Abendessen mit Tomatensosse, Kaesegebaeck und Schokolade. Wir entschieden uns fuer einen Schnorchelausflug am naechsten Tag. Schon Stunden vorher bibberte ich beim Gedanken an den kalten Fluss, der uns erwartete. Der deutschsprachige Fuehrer aus Nurnberg steckte uns in Neoprenanzuege und schickte uns in den Fluss. Tatsaechlich fror mir nichts ab! Fische schwammen ein paar Zentimeter an mir vorbei, Wasserpflanzen neigten sich in der Stroemung und Quellen blubberten vor sich hin. Unter Wasser herrschte solch eine Ruhe und Langsamkeit, dass man vergass, dass es noch eine geraeuschvolle Welt ueber Wasser gab. Nora, in ihrer offenen Backpackerart, verabredete sich mit ein paar Englaendern und so gingen wir im einzigen Pub Bonitos brasilianisches Bier trinken. Von cachacas liessen Astrid und ich geflissentlich die Finger. Nora verewigte uns mit unseren Namen und einer etwas abenteuerlich daherkommenden Brezel an der Wand, bevor wir am naechsten Tag abfuhren: Sie und Astrid 20 Stunden zu den Iguazu-Faellen im Sueden Brasiliens, ich mit drei anderen Freiwilligen zurueck nach Santa Cruz.
An der Grenze zu Bolivien beschlich mich ein bisschen Muffensausen. Der Grenzbeamte sprach jedoch deutsch (was dort irgendwie verbreiteter ist als Spanisch, jedenfalls verstand mich keiner, wenn ich es damit versuchte) und als er meine mit Dummheit kombinierte Verzweiflung realisierte, winkte er mich auch ohne Ausreisestempel in meinem nicht vorhandenen Pass durch. So weit, so gut, back in Bolivia. Was in Erinnerung bleibt aus Brasilien: die unfassbar westlich aufgebauten Staedte mit Einkaufsmalls; nie endende Strassen, an denen meilenweit kein Haus auftaucht; das Portugiesisch, das einerseits wie glattgebuegeltes Spanisch und andererseits wie eine komplett fremde Sprache anmutet; leckeres Gebaeck, Schokolade und Bohnen mit leckerer salziger Sosse. Definitiv moechte ich auf diesen riesigen Flecken Erde zurueckkehren.

Mittwoch, 11. Mai 2016

Frisch, fromm, froehlich

Geschenkkoerbchen fuer die Madels - prall gefuellt mit Suessigkeiten
Was gibt es in Bolivien im Überschuss? Nein, ich spreche nicht von Hühnchen, sondern von kleinen Zweibeinern mit Überschuss an Lebensenergie- den Kindern. Wie so ziemlich alles hier, müssen die auch mal so richtig gefeiert werden. Am 12. April, dem Tag des Kindes, putzten sich die Zwerge also raus, um im Kindergarten mal so richtig die Sau rauszulassen. Auf dem Sportplatz wurde Laufsteg gelaufen, um die Wette gerannt, ausgelassen getanzt und gespielt. 

Was macht den Tag für ein Kind perfekt? Genau – Zucker! Den gab es kiloweise: Als Erfrischungsgetränk, Erdbeerjogurt, Kakaomilch, Sahnetorte und in als Süßigkeiten in den selbst gebastelten Geschenkkörbchen. Als die Kinder – das Gefühlsspektrum reichte von glücklich bis Erbrechen nach einer Überdosis Zucker- abgeholt wurden, schnaufte das Personal erstmal auf. Die vorherigen Tage hatten wir Körbchen gebastelt, Torte gebacken, dekoriert und nicht zuletzt etwa 280 Bälle aufgepumpt. Dennoch war es ein super Tag, was möglicherweise mitunter an meinem stark erhöhten Zuckerspiegel lag.

Ein paar Tage später wachte ich auf und spürte, dass irgendetwas anders war als sonst. Eine Gänsehaut überzog meine Arme und der Magnet in meinem Bett sog noch stärker als sonst an mir. Über Nacht hatte in Bolivien tatsächlich der Winter Einzug gehalten und hatte die comarapenos in bibbernde Eiszapfen verwandelt. Die Kinder wurden wegen der Kälte früher aus dem Kindergarten heimgeschickt, Daunenjacken und Handschuhe hervorgekramt und der Tempo-Taschentücherverkauf wurde zur ertragreichsten Einnahmequelle. Es wurde gerotzt, was das Zeug hält, und obwohl die Hälfte der Knirpse aufgrund von Krankheit fehlte, konnte man in den Klassenzimmern förmlich Bazillen aus der Luft fischen.
Paradies in den Bergen - Nationalpark Amboro bei Samaipata

Auch hier wird am ersten Mai die Arbeit mit Nicht-Arbeiten (Ironie?) gefeiert. Wenn dieser Feiertag auf einen Sonntag fällt, wird er –schwupps!- ganz einfach auf den Montag verschoben. Klasse Idee, oder? Könnte man in Deutschland auch mal anregen. Das verlängerte Wochenende nutzte ich für einen Ausflug in mein Lieblingsdorf Samaipata, eine drei Stunden entfernte, in einem wunderschönen Nationalpark gelegene Oase der Hippiekultur. Durch den Nationalpark Amboro stapften Chrissi und ich am Sonntag, wobei wir  mit unserer Führerin Ines herrlich über den bolivianischen Machismus herzogen. Von Ausgangssperren für die Ehefrau bis zur hauptsächlich männlichen Fremdgeh-Manier ist hier schließlich alles erlaubt.
Zwei Kilometer von Samaipata entfernt betreibt ein Schweizer eine Tierauffangstation, in der neben frei herumlaufenden Äffchen auch Ratten, Schildkröten, Adler und ein Leopard leben. Die Station wird von Freiwilligen aus aller Welt betrieben, die Gehege sind groß und gut ausgestattet. Ein Äffchen auf seinen Schultern sitzen zu haben, das einem ins Ohr schmatzt und im Gesicht rumfuhrwerkt, ist ein wirklich erheiterndes Erlebnis.

















So tröpfelt das Leben vor sich hin, meine Liebe für Käsegebäck entwickelt sich gerade zur Sucht und wird nur von meinem Obstsalatkonsum übertroffen.
Ich hoffe, bei euch ist jetzt Frühling und ihr habt schon das erste Eis gegessen.

Grüße aus der Stadt des Windes und bis bald!


Ab in die Steinzeit


Auf Vieles kann der Mensch verzichten. Auf ein Auto, ein Fernseher, ein großer Teil der Menschheit auch auf Fellstiefeletten von Gucci, einige mir rätselhafte Wesen auf Süßigkeiten. Wenn aber Ressourcen, auf die der Mensch zur Bewältigung seines Alltags angewiesen ist, ausfallen – wie Wasser und Strom- ausfallen, gerate ich an die Grenzen meiner Sammlung an Überlebenstricks.
Wie fändet ihr es, mit Stirnlampe auf dem fettigen Haupthaar eine Toilette zu besuchen, auf die die Bezeichnung Kloake deutlich besser passen würde?
Dieses bittere Schicksal ereilte Anton und mich Ende März und gab uns Gelegenheit, kritisch über unseren Wasserverbrauch und unsere Handynutzung zu reflektieren. Oder besser gesagt: ein wenig zu verzweifeln.
Eines Dienstagabends fiel plötzlich der Strom im ganzen Dorf – korrigiere, liebe comarapenos, in der ganzen Stadt- aus und wir hockten mit meinen an Minenarbeiter erinnernden Stirnlampen im Dunkeln. Anfangs mag das ja noch ganz lustig sein, man regt sich künstlich über den schwindenden Handyakku auf. An Tag vier ruft ein dunkler, lauwarmer und unter Wasser stehender Kühlschrank mit sauer werdender Milch auch bei mir Sauerkeit hervor. Insbesondere, wenn wir nach einer Weile feststellen, dass das Schwesternhaus und das unsrige mittlerweile die Einzigen aus dem Stromnetz Ausgeschlossenen waren, was an einem speziellen Transformator im Konvent lag.

Ganz besonders spaßig wurde das Ganze, als –Juchuu!- auch noch die Wasserversorgung streikte. Ja, wir verbrauchen zu viel Wasser, aber ein morgendliches Tässchen Kaffee muss doch noch drin sein, oder? Zum Glück währt kein Übel ewig und so floss nach ein paar Tagen zumindest der Strom wieder. Nach einiger Zeit Stinken und Dürsten wollte ich beim Tropfen des Wasserhahnes schon in einen Hallelujah-Gesang (diese Verkirchlichung im Kindergarten setzt mir echt zu) ausbrechen, bis ich mir die austretende Flüssigkeit mal genauer ansah: Das „Wasser“ war eine trübe, sandbraune und verschlammte Angelegenheit. 

Mit dieser Matschbrühe spülten, duschten und kochten wir also die nächsten Wochen. Der Tee war nur noch eine traurige Version seiner selbst. Als wir uns schon ganz gut daran gewöhnt und den Geschmack reinen Wassers fast vergessen hatten,  klärte sich die Situation (ouh, schlechter Wortwitz) . Reines, klares Wasser floss in Strömen. Ein paradiesischer Anblick.

Sonntag, 17. April 2016

Trips mit Turbulenzen (Teil 1)


Wir stecken im Dschungel fest. Wortwörtlich. Während der Busfahrer verzweifelte Versuche wagt, die Räder seines Gefährts aus dem Schlamm zu manövrieren, schaue ich aus dem Fenster und sehe ein paar verfallene Lehmhütten inmitten von Grün. Grasgrün, Palmengrün, saftiges Blattgrün- so gern ich meine Lieblingsfarbe in all ihren Abstufungen habe, wäre ich jetzt über ein bisschen braun-graue Zivilisation ganz erquickt.
Dass die Fahrt eine lange werden würde, hatte man uns kurz vor der Abfahrt mit der Aufforderung, den doppelten Preis zu blechen, mitgeteilt. Der Grund: Straßensperren auf der Strecke von Sucre nach Santa Cruz, die einen dreistündigen Umweg nötig machten. Nach La Palizada, von wo wir nach Comarapa durchstarten wollten, kamen wir gar nicht erst. Aha. Uns fielen die gesonnenbrandeten Bleichgesichter herunter. Wat?! Uns extra den normal schon 13-stündigen Weg nach Santa Cruz schieben, um von dort noch mal sechs Stunden nach Windenhausen zurückzugurken? Nach kurzer Ratlosigkeit erkannten wir die Alternativlosigkeit, stiegen ein und ich betete mal wieder Richtung blaues Gewölbe, dass mein Vesper reichen würde (wer mich kennt, weiß, dass von mir erworbenes Proviant nicht mal eine halbe Stunde unangetastet in meiner Obhut bleibt).
Nach einer Stunde Warten am Bussteig, weil einige Passagiere den Aufpreis nicht zahlen wollten, knatterten wir los. Die vorhergegangenen Tage war das Meiste glatt gelaufen: Wir hatten uns nie verfahren, fast immer die richtigen Micros bekommen und nie länger als vorher veranschlagt gebraucht. Na gut, abgesehen davon, dass wir gestern ungeplant noch eine Nacht länger in Sucre blieben, weil wir uns vier Stunden nach den obligatorischen Abfahrtszeiten zum Bus-Terminal bequemten…Der dadurch gewonnene Tag begann mit einer Internetsession (Isi’s Flug nach La Paz wollte sich partout nicht buchen lassen, der Schlingel); die übrige Zeit schlugen wir im Parque Bolivar in Sucre mit dem Besteigen eines leicht wackligen Miniaturexemplares des Eiffelturms , dem Berutschen eines gigantischen Dinosaurierrüssels und dem Verzehr von scharfen Würstchen sowie einem Kilo Trauben für die Vegetarier unter uns tot. Aus Ersparnisgründen hatten wir die Nacht im Wohnzimmer der weltwärts-WG verbracht, hatten es mal einigermaßen früh aus unseren Schlafsäcken geschafft und genossen die Sonne vor der Monster-Busfahrt. 
Ebenso entspannend auch der vorhergegangene Tag in Tarabuco, einem Dörfchen nahe Sucre, wo ein farben- und essensprächtiges Tanzfest stattfand. Formationen aus den verschiedenen Provinzen hüpften, stampften und sangen in traditionellen Trachten, die unter anderem fünf Zentimeter hohe Holz-Plateau-Schlappen mit angebrachten Rasseln beinhalteten. Das Ganze bewegte sich um eine fünfzehn Meter hohe Säule herum, die über und über behangen war mit – dreimal dürft ihr raten – richtig, Essen! Unten angefangen mit Obst und Gemüse, dann Getreide, Mayo und Ketchup und schließlich Coca Cola- und Alkoholflaschen. Geschmückt wurde dieses Denkmal des Genusses von Koka-Tütchen und einem netten, kompletten Kuhrücken.
Nahrung war auch in den Dorfgassen reichlich vorhanden, leider die der fettigen und tierischen Art (für mich nicht so kompatibel). Ein von uns befragter Probant ließ kein gutes Haar an seinem Hühnchen. An jeder Ecke wurden die obligatorischen Touri-Souvenirs (Pullover aus Lamawolle, Taschen und Tücher mit vermeintlich indigenen Mustern) verkauft, Schilf zu hübschen Blüten gefaltet und Bier an den Mann gebracht. Letzteres mundete uns deutlich besser, als es ein in Fett schwimmender Schweinewanst jemals könnte. Die tollen Tänze, die fröhliche Atmosphäre und nicht zuletzt der Hopfensaft machten gute Laune. 
Traditionelle Tanzgruppen praesentierten ihre Taenze

Der vorhergegangene Samstag hatte uns zum „Ojo del Inca“ (Inka-Auge) geführt, einer kreisrunden Lagune in den Bergen Potosís. Wir bereiteten uns auf eine Erfrischung vor- und glitten in eine pipiwarme Badewanne. Wie uns ein Experte erläuterte, brodelt unter dem Tümpel ein Vulkan, der das Wasser auf mollige 30 Grad erhitzt. Faul dümpelten Isi und ich in der Brühe herum, Schwimmen war zur Erwärmung ja nicht nötig J Dann mussten wir auch schon abzischen, um noch zu angemessener Zeit in Sucre anzukommen, wo wir auf dem Weg nach Comarapa noch mal vorbeischauen wollten. Als der Micro-Fahrer uns beim Busbahnhof rausließ, fanden wir uns vor einem Opernhaus wieder und mussten es erstmal betreten, um uns durch die Busbüros überzeugen zu lassen, dass dies wirklich unser Ziel ist. Hieran dürfen sich die Bauherren von Stuttgart 21 wirklich ein Beispiel nehmen. Da war Evo wohl in Spendierlaune.
Die Fahrt Potosí-Sucre war mal wieder ein Kampf mit meinem Widersacher, dem Harndrang.  Dieses unästhetische Wort verbildlicht die Intensität, mit dem dieser neueste Einfall meines Körpers mich piesackt. Für meine Frage nach einer Toilette im Bus werde ich meist nur ausgelacht.

Wie vor 2000 Jahren diese hochschwangere Dame in Bethlehem pilgerten wir durch die Straßen und suchten Herberge. Die fanden wir in einem süßen Gästehaus (was sogar auf Deutsch an der Tür stand) mit bewachsenem Hinterhof und einem Mehrbettzimmer ganz für uns allein. Wir schlürften (natürlich nur gaaaanz wenige) Schlückchen Chufly (Singani mit Sprite, wollte meine Schwester unbedingt probieren) und begannen die Mission Feiern. In der Shisha-Bar, die einer deutschen Kolonie gleicht, nahmen wir ein zweites Abendessen in Form von Erdbeer-Cocktails zu uns, trafen meine Mitfreiwillige Matthia und traten in dem recht engen Lokal zu Psytrance von einem Fuß auf den anderen. Matthia wies uns auf freien Eintritt plus Getränk in einem Tanzschuppen hin, und so landeten wir auf einer Ü-30-Party mit Playback-Band. Der Sänger „sang“ sogar so mühelos, dass er nicht mal seine Lippen bewegen musste. Magisch, oder? 
Fortsetzung bei Teil 2

Ganz schoen gesalzen (Teil 2)


Irgendwann wurde das Durchschnittsalter der Club-Besucher zu hoch und unsere Augenlider schwer. Tja, die Feierei will gelernt und geübt werden. Aus Mangel an entsprechenden Lokalitäten an den Tagen davor war nicht viel mit Trunk und Tanz gewesen. Achtung, Hier baue ich unauffällig eine Überleitung der eher auffälligen Art zu unserem Trip um Uyuni ein. Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis in Uyunis Salzwüste eine Diskothek aufmacht, wenn man die Ströme an Touristen betrachtet. 


Durch besagte Wüste bretterten wir am ersten Tag unserer dreitätigen Jeepfahrt durch die schönsten Landschaften des bolivianischen Westens. Los ging’s in Uyuni, dem Touristennest schechthin, wo man ganz europäisch Ravioli (!) mampfen und nebenbei Dubstep (!!) hören kann. In der Reiseagentur, die den Trip organisierte, lernten wir unsere Mitfahrer, ein holländisches und ein brasilianisches Pärchen kennen und einigten uns auf Englisch als Kommunikationsmittel. Was dem bolivianischen Fahrer und wohl etwa so leicht oder eher schwer fiel wie mir, die jegliches angelsächsisches Vokabular aus ihrer Birne verbannt hat, um Platz für Spanisch zu schaffen. An der ersten Station der Fahrt machten wir schnell die ersten Deutschen aus: „Mach mal hier ein Foto von mir. Nicht so, Klaus!“ und Deuter-Rucksäcke ließen keinen Zweifel zu. 
Von graubraunem Erdboden rollten wir wenig später in ein weißes Glitzermeer ein: Der Salar de Uyuni, ein ausgetrocknetes Meer und die größte Salzwüste der Welt. Wie Schneekristalle mutete das feuchte Salz an. Die schier endlose Sicht wurde nur unterbrochen von ein paar Hügeln am meilenweit entfernten Horizont. Das kräftige Blau des Himmels im Kontrast zum waschpulverweißen Boden, die Stille und, ja, das Ausfallen des mobilen Internets vermittelten den Eindruck, auf einem anderen Planeten zu sein. Kam ein Jeep nach dem anderen angefahren und spuckte seine fotohungrige Fracht aus, bröckelte dieser Eindruck aber leicht.


Unser eher schweigsamer Fahrer Rodrigo entpuppte sich als Profi in Sachen Fotoideen und optische Täuschungen. Musikalisch bot er uns in den drei Tagen ein breites Spektrum von Coldplay über Rock, Metal und 90er-Stampf bis zu Rihanna. 
ja, es gibt im Salar auch Dinosaurier :)






Die letzte Station der ersten Tagesetappe bildete die Kakteeninsel, ein mitten in der Ebene aufragender Erdbrocken, übersät mit saitenwurstförmigen Kakteen. Nach einem Bierchen mit Lama, welches einen Beutel mit der Aufschrift „Money“ trug (der Kapitalismus hat auch das letzte Fleckchen Natur erobert), betraten wir unsere Ruhestätte für die Nacht. Das Salz verfolgte uns: Wände und Boden unserer Gemächer bestanden aus dem Gewürz. Machte meine barfüßigen nächtlichen Klogänge etwas schmerzhaft. 






Am nächsten Morgen stapften wir durch eine Steinwüste, bewunderten blaue, rote und –quasi- grüne Lagunen (bei letzterer spielte das Wetter nicht mit, sie erfreute mit einem zarten Schlammbraun) und aßen neben staksenden Flamingos zu Mittag. Mitten in der Natur ohne Zugang zu frischen Lebensmitteln ist es plötzlich auch in Bolivien möglich, lecker vegetarisch zu essen.

Die folgende Nacht sollte nicht nur recht dunkel- kein Strom mehr nach neun Uhr-, sondern auch ziemlich kurz werden: Halb fünf klingelten die Wecker in unserem Sechs-Betten-Schlafsaal. Nach einer amüsanten Runde Uno mit einer Gruppe Israelis, bei der unsere Brasilianerin Stuttgart glatt mit Hogwarts verwechselte, legten wir uns schon halb zehn ins Bett und waren dennoch am nächsten Morgen (oder sollte ich Nacht sagen?) nur halb lebendig, von guter Laune wollen wir gar nicht anfangen. Inmitten blubbernden, pupsenden Schwefels fror ich mir kurz vorm Sonnenaufgang fast meine Extremitäten ab. 

 












Rettung kam- nicht in Form eines gehaargelten Doktors a la Grey’s Anatomy, sondern als großer Kochtopf. Mit Scharen anderer Touris aalten wir uns in heißen Quellen und fühlten uns wie ummantelt von Wonne. Auf dem Weg zur chilenischen Grenze, wo wir zwei Drittel der Reisegruppe ablieferten, trafen wir Wüstenfüchse und -karnickel. Selten war ich so erstaunt vom Anblick von – Gras. Wir aßen in einem Dorf mit Bächlein mitten in der Wüste zu Mittag, bevor wir nach ein paar Stunden Fahrt wieder nach Uyuni zurückkehrten. Zivilisation! Toiletten! Frisches Obst! Wenn auch unser Fahrer nicht mehr als genau das war, war es ein einmaliges Erlebnis gewesen- so viele verschiedene Landschaften, surreale Wüsten, bunte Lagunen und nicht zuletzt deliziöse Verpflegung. 

Vikunas - nicht zu verwechseln mit Alpakas

Potosi- eine kalte Schoenheit (Teil 3)


Habe ich mal erwähnt, dass ich den deutschen Winter mit seinem Schnee vermisse? Es ist immer einfach, über Kälte zu reden – wenn sie einem dann live unter die Klamotten kriecht, findet man das nicht mehr ganz so cool. Bolivien kann nicht nur Dschungel und Hitze, sondern erfreut sich der höchstgelegenen Stadt der Welt. Als wir am zweiten Tag unserer Reise in Potosí ankamen, spürte ich schon, wie meine Nase langsam rot wurde – von der Kälte und der Sonne. Na ja, auch in Comarapa laufe ich dank meiner nicht vorhandenen Sonnenschutzmaßnahmen rum wie Rudolph, das rotnasige Rentier. Nachdem wir ein gemütliches Hostel gefunden hatten, latschten wir durchs Zentrum und verköstigten uns an den unzähligen, süßen und unwiderstehlichen Gebäcken, die an jeder Straßenecke vertickt werden. Da ich sowieso mit Diabetes nach Vollkornbrot-Deutschland zurückkehren werde, machten ein paar Kekse mehr oder weniger auch keinen Unterschied mehr, oder? Um die Völlerei zu komplettieren und weil Isi unbedingt Lama probieren wollte (dieses süße Fellvieh! :(), gönnten wir uns ein Restaurant und spülten das Abendmahl mit dem Potosi’schen Bier runter. Weitere nächtliche Aktivitäten hielten wir für gesundheitsschädlich, wenn wir nicht mit Schüttelfrost enden wollten. Am nächsten Morgen ging es los zur für Touris obligatorischen Tour in die Minen Potosís. Hier wurden früher große Mengen Silber abgebaut, heute gibt es nur noch Zink und Blei. Wir bekamen fetzige
graue Anzüge, Gummistiefel und Helme verpasst und schlichen durch die höhlenartigen Gänge des „cerro rico“ (reicher Berg). An manchen Stellen war es recht kühl, an anderen angenehm warm. Wir stiegen sicher nicht fallsichere Leitern hinab, um den Minenarbeitern (cumpas) bei der harten Arbeit zuzusehen. Unser Führer stellte ihnen Fragen und ermunterte uns, die mitgebrachten Geschenke zu überreichen. Hierbei handelte es sich weniger um Schokolade und Blumen als um Softdrinks und Coca. Hiermit halten sich die Männer die vielen Stunden unter Tage wach und leistungsfähig. Durch die Dynamit-Sprengungen, herabfallendes Gestein oder übersehene Löcher im Boden sterben jährlich um die zwanzig Arbeiter. Der Lohn ist abhängig von den Rohstoffpreisen des Weltmarkts. 
Um reichlichen Ertrag wird der tío (Onkel) in Form einer Steinfigur gebeten und mit Coca, Alkohol und Zigaretten versöhnlich gestimmt. Der Gute sitzt in einer Ecke der Mine, die ich vor lauter Gänge nicht mal finden würde. Hin und wieder mussten wir einem Transportwagen voller Gestein ausweichen, der von zwei Männern (oder dem Alter nach eher Jungs) nach draußen geschoben wird. Isi und ich brachten dieses Schwergewicht keinen Zentimeter weit. Nach zwei Stunden in der Mine waren wir doch sehr froh über Tageslicht.



Den Nachmittag verbrachten wir mit Schlenderei und Schlemmerei durch die bunten Häuser und vielen Kirchen der Innenstadt. Isi kam leider an keinem Souvenirshop vorbei, ohne immer die selben Lama-Strickpullis zu begutachten. Wir bekamen zum Glück flott einen Bus nach Uyuni.

Alles easy (Teil 4)

Die Recoleta im Nieselregen
Ist es nicht immer so, dass man reisen geht, voller Vorfreude was einen erwartet – und dann buchstäblich im Regen steht? So ging es Isi und mir am ersten Tag unserer Reise. Nach einer durchpennten Fahrt von Comarapa kamen wir im Morgengrauen des 13. Märzes in einem bewölkten, benieselten Sucre an und setzten uns erstmal in das einzige zu dieser unmenschlichen Zeit geöffnete Cafe. 

Als die Stadt langsam aufwachte, beschlossen wir, wir könnten jetzt die WG meines Mitfreiwilligen Lorenz stürmen und 

die Leute aus ihren Betten schmeißen. Nein Spaß, eigentlich wollten wir nur unsere monströsen Rucksäcke abstellen. Bis wir uns allerdings durch den Markt gequetscht und bis zum Viertel der WG vorgedrungen waren, war es schon zwölf und Lorenz begrüßte uns zumindest halb wach.
 Er empfahl uns als Ausflugsziel ein Dorf in der Nähe mit einem tollen Markt und so saßen wir wenig später im Truffi nach- Überraschung- Tarabuco. Ja, in diesem netten Nest schauten wir zwei Mal vorbei. Der außergewöhnliche Markt entpuppte sich als stinknormale Kleidung-Krimskrams-Kommerz-Meile. Wir stiefelten auf ein Hügelchen und diskutierten, ob bolivianische Menschen freundlicher und offener sind als deutsche. Meine Schwester, die ein paar Mal übers Ohr gehauen wurde und mit ihrem Spanisch noch in der Entwicklung war (ist schon viel besser geworden, Isi, alles gut :) ) beschwerte sich außerdem über die Machos hier, die ihr sogar als verschwitzte Läuferin hinterherpfiffen. Bei der Rückfahrt zeigte sich mal wieder der Gruppengeist des Menschen: Die wenigen Truffis, die auf die Plaza auffuhren, wurden sofort bestürmt wie Wühltische beim Sommerschlussverkauf, sodass wir erst in den fünften Minibus quetschen konnten. 

Nach diesem anstrengenden (Ironie an) Tag genehmigten wir uns geniale Tukumanas (frittierte Teigtaschen) in einem vegetarischen Restaurant voller Gringos. Wieder mal stellte ich am nächsten Morgen fest, wie gut es sich mit genügend Müdigkeit auf einem halben Meter breiten Sofa nächtigen lässt. Weiter ging es nach Potosí, aber diese Episode habe ich ja schon (vielleicht zu ausführlich :) ) geschildert.
Was meine Schwester überhaupt hierher verschlägt? Außer der Tatsache, dass sie ihre kleine Schwester abgöttisch liebt, ihre Reiselust und ihre elends langen Semesterferien. Spontan hatte sie im Januar einen Flug gebucht und stand an einem Donnerstagnachmittag, erschöpft nach der vielen Busfahrerei, mit ihrem Riesenrucksack plus Ukulele in Comarapa. Wir hatten uns ein dreiviertel Jahr nicht gesehen, entsprechend groß war die Freude, und wir konnten den ganzen Abend nicht aufhören, zu quasseln. Am nächsten Tag begleitete sie mich nachmittags in den Kindergarten und freundete sich mit einem Mädchen an, das sie aufgrund seiner kurzen Haare die ganze Zeit für einen Jungen hielt. Auch die anderen Kinder waren begeistert von „senorita Isabel“ und tanzten im Kreis um sie herum. Sie wiederum war nicht wirklich begeistert von unserer etwas ranzigen Karaoke und der dröhnenden Musik. Als techno-gewöhnte Berlinerin ist das vielleicht auch nicht so verwunderlich….Den Samstag verpennten wir zur Hälfte, rafften unsere sieben Sachen zusammen und starteten abends – immer noch in Laberlaune- Richtung Sucre. Der Rest ist Geschichte.

Nach knapp zwei Wochen zusammen, vielen schönen Erlebnissen und gemeinsamem Lachen fiel vor allem mir der Abschied von ihr unglaublich schwer. Die Leute an der Bushaltestelle in Santa Cruz müssen sich gefragt haben, ob die Gringa irre ist, so habe ich geheult. Dies sollte aber nicht unser letzter Moment zusammen sein – Fortsetzung folgt…

Mittwoch, 2. März 2016

Comarapa, Cochabamba und Co.




Evo oder Nicht Evo? Das ist nun die Frage. Scheint die Comarapenos aber nicht so zu jucken, oder jedenfalls nicht so sehr, dass sie von Ihrer Lieblingsbeschäftigung ablassen würden: dem Tratsch. Es wird nach Herzenslust beobachtet, analysiert (objektiv? Was ist das? Hat das nicht was mit Fotokameras zu tun?), ergänzt, verdreht und erfunden. Das Endprodukt dieses munteren Geschichten-Herbei-Fantasierens hat meist einen Wahrheitsgehalt der unter dem Fettanteil von fettreduzierter Milch liegt. Nicht umsonst existiert der Ausspruch „pueblo chico – infierno grande“ (kleines Dorf, große Hölle). Glücklicherweise lassen sich die Kinder von dem über uns erzählten Mist nicht beeinflussen. Letzte Woche wollte ich gerade ein paar Runden im Stadion drehen, sprachen mich ein paar halb- (oder wie sich später herausstellte, doch eher voll-) starke Jungs an, und- schwupps- hatte ich ein paar Mitläufer. Die Steppkes aus dem Internat zischten Runde für Runde mit breitem Grinsen an mir vorbei. Richtig, zwöfjährige Kinder hängen mich locker ab – in Crocs oder sogar barfuß!
Da hatte ich es ein paar Tage beim Besteigen von alten Schubladenkästen mit anderen Mithopplern zu tun: Mit einer Gruppe Frauen zwischen 16 und 45, angetrieben von einer militärisch anweisenden Trainerin, schwitzte ich im Aerobic mein T-Shirt voll. Zu Technorythmen steppten wir um die Kästen herum und schwangen die Beine in die Luft. Das forderte meine Konzentration ganz schön.
Am Mittwoch verfolgten wir Wiebkes Fußballspiel und beklatschten ihre zwei schönen Tore. Im Kindergarten schauten wir uns mit den Zwergen ein von den Lehrerinnen kreiertes, äußerst amüsantes Puppenspiel an, das den Flitzpiepen die Regeln des Kindergartens näher brachte. Leider rupften sie danach immer noch an den Pflanzen herum. Vielleicht muss der gelernte, diffisile Stoff einfach erstmal sacken…
Nach Unterrichtsschluss widmete ich mich mit den Lehrerinnen einem herrlichen Vergnügen: Feigen vom Baum des Kindergartens klauen. Die Hermana verbietet das nämlich strikt, war aber abwesend und so vernaschten wir die teils Kinderfaust-großen Früchte mit dem Genuss, den nur ein Dieb haben kann. Dieser Frevel sollte zumindest in meinem Fall bestraft werden: Auf der nächtlichen Fahrt nach Cochabamba konnte ich vor lauter Bauchschmerzen kaum ein Auge zu tun. Bei Diebesgut kontrolliert nun mal keiner auf Qualität…
So kam es, dass ich aufgrund meines gluckernden Bäuchlings nicht am ersehnten Holi-Festival teilnehmen konnte. Aus Mangel an eigenen Ideen ließen Lea (aus Santa Cruz) uns am nächsten Tag auf die Tips des Rezeptionisten unseres Hostels ein und ließen uns zu einem Parque Mariscal (Meerpark) bringen. Dieser entpuppte sich als eine Kinderattraktion. Irgendwie sind wir das ja aber auch noch, oder warum bereitete uns das Schaukeln solchen Spaß? :D 

 Wir schauten in einem riesigen, menschenleeren Fußballstadion vorbei, bevor mal wieder Wasser vom Himmel fiel, was das Zeug hielt. Die Taxigauner reiben sich da natürlich die Hände, und um einem Wucherpreis zu entgehen, stapfte ich durch knöchelhohe Seen (Pfützen sind das lang nicht mehr). Das hatte zur Folge, dass ich bis auf die Füße beschlammt war, was auch den entsprechenden Geruch ausströmte. Trotz allem war es schön gewesen, meine Zeitgenossen aus den anderen Städten zu treffen, die sich beim Holi-Festival ordentlich haben einsauen lassen.
Scheinbar bekommt Bolivien Lieferungen aus deutschen Altkleidersammlungen, jedenfalls lese ich immer wieder kuriose Dinge auf T-Shirts. So trug ein Bauarbeiter im Altenheim letzte Woche ein Leibchen mit der Aufschrift „Ruderjugend Niedersachsen“, und glaubt mir, er war weder jugendlich noch sah er in irgendeiner Weise deutsch aus ;)