Dienstag, 22. Dezember 2015

Hooray Hooray Sucray!

Weiße Häuser, steile Buckel,
das bedeutet: Micro-Geruckel.
Finde den Fehler!

Quechua in aller Ohren,
kleiner Zeh schon abgefroren
Frauen mit Tacken
Männer mit Glocken
Blinken wie Europa Park,
Heimfahrt für 'ne müde Mark
Willst du's experienciaren,
musst du bloß nach Sucre fahren!

Seit einer Woche weile ich in einem Außenbezirk Sucres, der Hauptstadt Boliviens, bei zwei Mitfreiwilligen – Lea und Cathi. Weil man auch als arbeitsloser Comarapeño nicht (nur) auf der faulen, verstochenen Haut liegen kann, wurschle ich also im Projekt der Beiden, einem Comedor (Mensa) mit Hausaufgabenbetreuung, herum. Wegen der Sommer(!)ferien fällt der Teil mi t den Hausaufgaben weg, sodass wir mit den etwa dreißig Flöhen im Alter von vier bis dreizehn meist basteln oder in der Küche schälen, schnippeln und spülen. Köchin Benita schüttelt zwar immer ihren bezopften Kopf, wenn ich an laienhaft an einer Kartoffel herumpule, erzählt uns aber trotzdem Anekdoten aus dem Leben einer echten Chulita. 

Ausflug ins Heimatmuseum mit den Frechdächsen

Die Stupsel, alle aus unserem ländlichen und sehr familiären Vorort Lajastambo, basteln für ihr Leben gern, essen und spülen selbstständig und strotzen vor Neugierde. So werden wir regelmäßig nach diesem oder jenem Wort auf Englisch oder auch mal Chinesisch gefragt oder ob George Washington eigentlich dick war. Nach meinen verzweifelten Versuchen, den Zwergen im Comarapa'schen Kindergarten die Farbe einer Birne einzubläuen, erfrischt diese Lernbegierde ungemein. Zudem komme ich jeden Tag in den Genuss eines frisch gekochten Mittagessens. Das, meine Freunde, bedeutet für mich wahren Luxus. Mein Magen, die alte Zicke, zeigt sich dafür leider nicht erkenntlich und reagiert mit Krämpfen und anderen Symptomen, die ihr euch bestimmt denken könnt.
Obwohl wir uns am Rande der Hauptstadt dieses wunderschönen Landes befinden, hat man manchmal eher den Eindruck, mitten in der Pampa zu hocken: Im „Park“ (grüne Wiese voller Unkraut) hängen Kühe rum, Stromausfall kommt regelmäßiger als die Müllabfuhr und Klospülung is nich. Der Großteil der Lajastambo'schen Bevölkerung spricht fließend Quechua, ist irgendwie untereinander verwandt und gießt beim Genuss von Alkohol das obligatorische Schlückchen auf den Fußboden- für Pachamama.
Wetter: Tagsüber bretzelt auf knapp 3000 Metern Höhe entweder erbarmungslos die Sonne herunter oder es schüttet wie aus einer gut gefüllten Wassertonne. Nachts gefriert einem dann fast die Nasenspitze. Eines von Leas und Cathis Kätzchen pennt dann auch mal mit in meinem Schlafsack. Höchste Platt-Drück-Gefahr.
Die Innenstadt Sucres ist gekennzeichnet durch schneeweiße Kolonialhäuser und Hüge, so steil, dass eine volle Micro im Schritttempo hochkriechen muss. Rund um die Plaza hampeln Kinder in Zebrakostümen auf ihren Äquivalenten auf dem Boden herum und koordinieren den Verkehr. Ja, die Plaza- die leuchtet kurz vor Weihnachten in allen Farben des Regenbogens und das Rathaus wirkt eher wie ein gigantischer, blinkender Spielautomat. Die bolivianische Art, dezent weihnachtlich zu dekorieren.

Che Guevara, der Revoluzzer
















So auch im Parque Bolivar, wo wir zwischen Mini-Eiffelturm und Fontänenshow der Probe für eine Entrada (Tanzumzug) beiwohnten. Dabei wird zum Gepäper einer Blaskapelle auf der Straße getanzt: Die Frau tippelt auf Ultra-High-Heels herum, die Männer werfen ihre in Glockenstiefeln steckenden Waden durch die Luft. Dazu wird gesungen. Wieder einmal wird deutlich, wieviel Leidenschaft und Freude hier dahintersteckt. Schade eigentlich, dass ich so ein fauler Mensch geworden bin und statt meine Hüften zu schwingen, lieber im Internet vor mich hin schwadroniere...