Montag, 18. Juni 2018

Warum Selbstzweifel ne doofe Sache sind

"Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen." Wer auch immer das gesagt hat, hatte das Melancholikergen und - Recht.
Es läuft. Oder eher: Es rennt. Ich kann die Geschwindigkeit gar nicht fassen, in der sich gerade Dinge ereignen. Wie ein fahrender Zug ziehen die Geschehnisse an mir vorbei. Als wäre ich nicht nur nicht dabei, sondern erst recht nicht die Protagonistin. Ich kann nicht ausmachen, wann und wie es anfing, und stecke doch mittendrin.
Probleme, Sorgen und Ängste sind nicht weg, aber werden abgedämpft. Ich habe plötzlich so einen Weichzeichner, der das alles ein wenig in den Hintergrund drängt. Oder vielleicht werden mir die Verwindungen in meinem Kopf durch ihn erst wirklich bewusst. Wer sonst gibt einem in so einem Ausmaß eine Referenz zu dem, was man tut? Ich dachte die meiste Zeit meines Lebens, nur ich habe abendliche Fressanfälle oder trinke zu viel Kaffee. Was an sich nichts Dramatisches ist. Nur stelle ich das jetzt erst fest. Warum? Weil ich vorher nie einen derart intensiven Vergleich mit einem anderen Menschen hatte. Ich glaube, Viele von uns denken, sie seien allein mit ihren Macken und verurteilen sich dafür. Davon gehen sie aber nicht weg. Was bleibt, ist, sie anzunehmen, so, wie sie sind. So bleiben sie bestehen, bereiten uns aber nicht halb so viele Falten wie durch ständiges Selbst-Infrage-Stellen.
Sich bewusst zu machen, dass ich einfach nur eine von vielen Milliarden Menschen bin und biologisch auch zu nahezu 100% so aufgebaut wie alle diese, entbindet ein Stück weit von einer Verantwortung. Wenn ich mir vor dem Schlafengehen noch ein halbes Kilo Knoblauchquark reinpfeife und davon ausgehe, dass ich aus dem gleichen Baumaterial zusammengeschustert wurde wie alle anderen, muss es ja mindestens eine Person geben, die auch abends mit Wampe im Bett liegt. Vielleicht war euch das schon lange klar. Für mich ist es eine recht frische Erkenntnis.
Wieso muss ich an mir zweifeln, wenn ich mal etwas tue, was Gesellschaft, Ernährungsratgeber und Fashionistas verabscheuen, aber mindestens eine Handvoll andere Menschen ebenso tun? Dann ist vielleicht der Fehler im System und nicht in meinem "kaputten" Essrhythmus. An dieser Stelle ein Mittelfinger an Menschen, die andere aufgrund ihres Körpers kritisieren.
Ach ups, jetzt ist in diesen eigentlich enthusiastischen Text doch eine destruktive Note hinein gekommen.
Es ist Sommer, wir sind Studenten und können uns glücklich schätzen, so viele Freiheiten zu haben, um diesen zu genießen. Straßenfeste, kühles Bier und einlullende Töne aus der Stereoanlage. Es gibt so viele Anlässe, zufrieden zu sein.
Ich will gelegentliche Tristesse und Ödnis, Melancholie oder Wut nicht kleinreden noch verdammen. Aber die kommen sowieso. Zwischendrin kann man sich ruhig mal bewusst zu machen, was für atemberaubende Momente gerade vonstatten gehen. Oder vielleicht bin das wieder nur ich, für die das nichts Selbstverständliches ist.
Aber statistisch gesehen kann ich nicht die einzige Grübler-Grantlerin sein. Ich mein ja nur.