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Wer entscheidet?

Überlegungen, wie ich meinen Feierabend gestalte. Was ich nicht denke: "Oh, eine reizvoll klingende Veranstaltung. Da gehe ich mal hin." Was ich stattdessen denke: "Oh, da könnte ich mich blamieren/niemanden kennen/keinen Spaß haben/den Ort nicht finden/zu müde sein/es nicht hinkriegen/..... Besser nicht."  Wer hat hier die Entscheidung getroffen? Ich oder die Angst?   Wie oft treffe ich Entscheidungen aus Angst? Mit dem Ziel, etwas Unangenehmes zu vermeiden anstatt etwas Erstrebenswertes zu erreichen. Nicht getrieben von Neugier, Lust oder Bedürfnis nach Wachstum, sondern aus einer Sorge heraus, dass die Entscheidung ungemütliche bis schmerzhafte oder schlimme Auswirkungen hat.  Dabei geht es mir hier noch nicht mal darum, wie realistisch diese Auswirkungen sind. Sondern darum, was meinen Weg bestimmt. Wer auf dem Fahrersitz sitzt. Wieviel Raum räume ich eigentlich diesem ängstlichen Teil meines Ichs ein, dass es an entscheidenden Stellen die Führung übernimmt? So ...

Septemberbeobachtungen

 Der September hat begonnen - da erzähle ich euch nix Neues - und mit ihm habe ich ein paar auch nicht ganz neue Beobachtungen gemacht:  - Die Septemberdepression kündigt sich an. Die hat weniger mit dem Ende des Sommers selbst als mit dem Ende der leichten, vermeintlich sorglosen Zeit und den Ferien (für die, die sie haben) zu tun. Das Leben und seine Anforderungen scheinen auf einmal wieder ernster und drängender.  - Gesprächsfetzen: "Keinen Bock habe ich ja schon lange nicht mehr."   - Verletzlichkeit einzufordern ist leichter, als sie selbst zuzulassen. Wenn Veretzlichkeit zu zeigen uns bei Anderen nötig und vielleicht auch einfach erscheint, so hat das vielleicht damit zu tun, dass 1. wir nicht das ganze Bild der dahinterliegenden Prozesse und Ängste sehen und 2. die betreffende Info oder das Gefühl, das gezeigt werden soll, für uns leichter und unproblematischer, unbesetzter ist als für die Person selbst.  - Empfindungen von Schönheit sind sehr subjek...

Müssen vs wollen

Eine Chance auf einen Ego-Boost geht verloren, wenn ich Ziel X nicht erreiche (z.B., kein Paper veröffentliche). Aber ebenfalls auch eine Chance auf eine Ego-Bruchlandung (und sind wir mal ehrlich, diese Chance ist, betrachten wir die nüchternen Wahrscheinlichkeiten, deutlich höher). Denn etwas nicht zu schaffen nagt ja vor allem dann am Selbstwertgefühl, wenn man von sich erwartet , es zu schaffen. Auch hier kommt also die Freiheit zum Tragen, auf die ich im vorherigen Beitrag ein Loblied sang. Frei sein davon, X schaffen zu müssen, lässt mir mehr Freiheit, alles Andere zu sein, was mich sonst noch so ausmacht (z.B. müde). Ich kann X immer noch versuchen. Aber ich muss es nicht. Nach dem Motto: Alles kann, nix muss, macht dann alles gleich viel mehr Freude. Wenn ich kein veröffentlichungsreifes Meisterstück schreiben muss, merke ich, dass ich schreiben will . Aber vielleicht eben nur Tagebuch. Welch eine Entlastung. 

Flughöhe

Auf einmal ist alles weit weg. Ich sehe die Dinge, mein Leben, in dem ich neulich noch so feststeckte, von oben. Vielleicht noch nicht aus dem Adlerblick. Dazu muss ich noch etwas höher steigen. Aber mit einer gehörigen Distanz. So sieht alles gar nicht mehr so einschüchternd aus. Hitze? Ja, doch der Winter kommt bestimmt. Schlecht geschlafen? Umso schneller lullt mich die Müdigkeit in der folgenden Nacht in den Schlaf. Aufregung bei der Arbeit? Nur ein Wirbel in einem winzigen Mikrokosmos.  Wir alle sind Ameisen in einem riesigen Haufen, aber selten können wir das so sehen. Meistens sind wir zu verstrickt im Klein-Klein des Alltags, um eine Perspektive auf das Große Ganze zu haben. Dieses Eingewobensein hat auch eine Funktion: Uns Halt zu geben und eine Aufgabe und uns nicht jeden Tag aufs Neue die großen Fragen des Lebens zu stellen. Wofür ist das gut? Wo gehen wir hin? Was ist unsere Rolle?  Fliegen macht leicht und frei, aber Abstürzen immer möglich. Fliegen mit Siche...

Ja

Immer wieder höre ich den Rat an Andere, zu lernen, Nein zu sagen. Der Standardmodus scheint das "Ja" zu sein, das Nein hingegen eine seltene Spezies. Bei mir ist es umgekehrt. Ich sage immer erstmal Nein. Vorsichtshalber. Um mich nicht auf etwas potenziell Forderndes oder Gefährliches einzulassen (gefährlich soll hier in einem sehr relativen Sinne gemeint sein - wie z.B. die Gefahr, die Kontrolle zu verlieren). Das Ja kommt mir oft verbindlicher vor, als das Angebot gemeint ist. Ein gemeinsamer Kneipenbesuch wird oft von der anderen Seite abgesagt und selbst wenn er stattfindet, geht er meist nicht so lang und erfordert so viel Hirnschmalz, Spritzigkeit und Zugewandtheit, wie ich mir einbilde. Mir kommt es vor, als setze ich mit dem Ja eine Unterschrift unter einen Vertrag, dessen AGB ich nicht gelesen habe.  Dabei kann ein Ja Möglichkeiten eröffnen. Das Nein schließt sie von vornherein aus. Ein Ja kann eine beschwingenden Schwips, ein inspirierendes Gespräch, eine spaßige A...

Die dunkle Macht

Menschen haben den Computer und das Flugzeug erfunden. Wir sind fähig, Berge zu besteigen, Kinder zu gebären, ins All zu fliegen und Maschinen zu bauen, die jede erdenkliche Tätigkeit übernehmen - Waschen, Höhen überwinden, Autoteile zusammenstecken, sogar menschliches Körpergewebe durchleuchten. Woran Viele von uns, zumindest jedoch ich, regelmäßig scheitern, ist, unserer eigenen Gedanken Herr zu werden. Stattdessen überrollen sie mich wie eine Flutwelle und ich stehe da, ungeschützt, und lasse mich umwerfen. Lasse? Habe ich eine Wahl? Ja, sagen Kognitionspsycholog:innen und Verhaltenstherapeut:innen. Ich kann meine Gedanken steuern, selbst entscheiden, welche ich in mein Bewusstsein lasse und welche nicht. Sie modifizieren, infragestellen und dadurch entkräften. Das mag stimmen. Aber sie bleiben. Haben sie sich mal häuslich eingerichtet, sind sie schwer wieder heraus zu bekommen und kehren immer wieder. Wenig ist so verlässlich wie Grübelgedanken. Bist du sonst auch allein - sie sind...

Der Rahmen unserer Möglichkeiten

Ja, es ist heiß. Was mich aber viel mehr beunruhigt als die momentane Hitze ist, wofür sie steht. Wir haben es oft gehört in den letzten Tagen: Das sind Auswüchse des Klimawandels. Das ist erst der Anfang. Wer nicht vorher schon Angst vor der Zukunft hatte, dürfte sie jetzt haben. Wie damit umgehen?  Klar, ich kann im eigenen Nahfeld etwas anstoßen oder mich einer Bewegung anschließen. Urban Gardening betreiben, Klimastreiks organisieren, für die Begrünung von Asphaltflächen im Stadtrat plädieren. Die begrenzte Wirkung ist mir dabei jedoch immer klar.  Ich kann gut nach mir selbst schauen und mir eine so erfreuliche Zeit wie möglich auf dieser Erde machen. Aber das führt, bei mir zumindest, zu noch mehr Schuldgefühlen: Ich lebe auf dicker Sohle, verbrauche Ressourcen und Andere leiden. Ja, auch ich will ein Gutmensch sein (wenn das denn möglich ist).  Vom Wählen fange ich nicht an, das sollte selbstverständlich sein.  Also was dann? All die Schreckensberichte und Sze...

Entweder Oder

 Der Sommer scheint früh und sehr präsent hereinzubrechen. Wäre das nicht eine Konsequenz der Klimaerwärmung, hätte ich nichts dagegen. Es leistet aber eine eh schon vorhandenen unguten Tendenz von mir Vorschub: Nämlich der, nicht im Moment zu sein. Wenn die Tage lang und warm sind und zu allerlei Taten einladen, fällt es mir schwer, meinen sonstigen Pflichten nachzukommen ((Haus-) Arbeit etc.). Das nagt an mir und führt zu einem Dilemma: Wenn ich draußen bin, habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht arbeite. Wenn ich arbeite, habe ich ein schlechtes Gewissen (oder: einen Drang), dass ich nicht rausgehe. Bescheuert.  Was tun? Nur noch nachts arbeiten? (Haha, niemals. Da schlafe ich.) Hedonismus zurückstecken? Dazu bin ich zu sehr eine Genusskugel. Arbeit zurückstecken? Langfristig auch unbefriedigend. Also mal wieder das berühmte Gleichgewicht. Falls jemand von euch das gefunden oder anderweitig einen Tipp hat, teilt es mir mit. Bis dahin unterhalte ich mich mit meinem...

Allein

Bin ich allein, fühle ich mich einsam. Bin ich unter Menschen, dann sehne ich mich nach dem Alleinsein. Ja, was denn nun? Dröseln wir das mal auseinander. Ich vermische hier nämlich zwei Sachen:  Zum Einen der Mangel an Kontakt und die Sehnsucht danach. Zum Anderen meinen eigenen Wert, der sich vermeintlich an der Gesellschaft, in der ich mich befinde, bemisst. Stimmt das? Bin ich nur etwas wert, wenn ich mit Anderen zusammen bin? Geben die mir wert? Es scheint, ohne den Stempel "geprüft und auf gut befunden" von Anderen existiere ich nicht. Dem kann ich begegnen, indem ich mich bewusst dem Alleinsein aussetze und schaue, was passiert. Klar, erst kommt die Entwertung und die Scham dafür, offenbar nicht liebenswert genug zu sein, dass jemand seine kostbare Zeit mit mir verbringen möchte. Im zweiten Schritt (und nach einigen Runden des Grübelns) fange ich an, danach zu suchen, was ich denn eigentlich alleine so anstellen könnte. Dann merke ich, dass mein Glück und Wohl, der Spa...

Hoffnung und ihr Bröckeln

 Ich bin müde des Suchens, des immer wieder Versuchens. Immer wieder die Hoffnung: Vielleicht klappt es ja diesmal. Obwohl die Empirie dagegen spricht. Ignoriere ich das, um die Hoffnung aufrechtzuerhalten?  Mit jedem Mal, mit dem ich ein Dokument öffne und zu schreiben versuche, bröckelt ein kleines Stückchen dieser Hoffnung ab. Bis irgendwann nur noch ein mickriger Kern bleibt. Der muss reichen.  Mit jedem Menschen, den ich treffe auf der Suche nach einer menschlichen Verbindung und der doch etwas zu anders ist, um unsere Wellenlängen aneinander anzugleichen, bröckelt die Hoffnung. Okay. Dann halt nicht.   Das Prinzip Hoffnung finde ich theoretisch auch sehr wichtig. Wo kommen wir hin, als Gesellschaft und als Individuen, wenn wir keine Ideen für die Zukunft haben? Wir brauchen die Zuversicht, dass es klappen kann , um überhaupt aktiv zu werden.  Aber meine Hoffnung zementierte sich irgendwann zu einer Erwartung, und die ist deutlich unflexibler und anspr...

Nicht so schlau

Es herrscht Konsens: Körper sind politisch. Köpfe sind es aber auch. Wer bin ich, wenn ich keine Leistung bringe? Wie viel wert ist jemand, der nicht ganz so helle ist (dazu zähle ich mich)?  Haben Menschen nur ein Recht auf Anerkennung, wenn sie schlau sind? Wenn "schlau" bedeutet, überdurchschnittlich intelligent zu sein, kann qua definitionem nur ein Teil der Bevölkerung schlau sein. Was ist mit dem Rest? Schauen wir auf die bzw. uns herab? Ist das das Fußvolk?  Ich bin nicht die scharfste Klinge im Messerblock. Dafür kann ich nichts. Trotzdem würde ich gerne ein auskömmliches Leben führen und allgemein respektiert werden. Ich bin sicher, das trifft auf jeden zu. Warum also tragen wir diese Meritokratie mit? Leistungsträger verdienen nicht mehr und nicht weniger, respektiert und anerkannt zu werden als jede:r andere auch. Sie mögen viel leisten für diese Gesellschaft. Aber tut das nicht jede:r? Sich um seine Nächsten zu kümmern, Kunst zu machen, Dinge zu reparieren - all d...

Nettigkeit

Können wir nicht einfach nett zueinander sein? Wem tut es weh, wenn wir Großzügigkeit und Freundlichkeit gegenüber anderen walten lassen? Dieses künstliche Hart-Sein, damit schaden wir uns doch gegenseitig UND selbst. Es könnte uns allen besser gehen. Eine Welt mit weniger Ellenbogen und Rücksichtslosigkeit ist möglich und sie ist lebenswerter, davon bin ich überzeugt. Auch ich kann und muss etwas dafür tun. Ein paar Beispiele, wie ich anfangen kann:  - Menschen auf der Straße grüßen. Auch wenn sie nicht zurück grüßen (was in ca. 70% der Fälle eintritt).  - sich bei Freund:innen und Bekannten melden, auch wenn nicht die Aussicht besteht, sich bald wieder zu sehen. Einfach, weil ich sie mag, den Kontakt mit ihnen aufrechterhalten möchte und mich interessiert, was in ihrem Leben los ist. - Generell: Menschen fragen, wie es ihnen geht. Was sie beschäftigt. Ist nicht nur nett und stellt Verbindung her, sondern fördert ganz Anregendes und teils Inspirierendes zutage. - Kleine Geste...

Inkonsistenzen

Wer bist du, wenn keiner hinschaut? Wir denken, wir kennen uns selbst. Wer wir sind, was wir mögen, denken, was uns wichtig ist und was uns auf die Palme bringt (eine Leiter? höhö). Mehr als einmal war ich jedoch verblüfft, weil mein Verhalten so gar nicht übereinstimmte mit diesen (angenommenen) Werten. Bin ich gar nicht die, für die ich mich halte?  Ich könnte jetzt etwas daherlabern von der Komplexität und Vielseitigkeit des Menschen und wie wenig er in Schablonen gepresst werden kann, aber das bringt uns wohl kaum weiter. Denn eigentlich sind wir doch nicht so irre mysteriös, wie wir uns gern einreden. Ich glaube eher, es gibt Seiten, die sehen wir nicht. Einige davon wollen wir nicht sehen. Andere davon sind neu, noch nicht ganz fassbar oder irrational. Darum blenden wir sie aus, weil wir gerne ein kohärentes und rechtfertigbares Selbstbild haben möchten. Schließlich kommt es im Außen ja gar nicht gut an, wenn wir uns unlogisch verhalten oder Widersprüche zeigen. Was, du trägs...

Keine Angst

Angst ist kein guter Berater. Sie wird uns raten, zu bleiben, wo wir sind und ja nichts zu wagen. Auch wenn ein Wagnis oder eine Veränderung uns frei und froh machen würde.  Angst ist keine gute Motivation. Etwas nur zu tun aus Furcht vor Bestrafung, Abwertung oder anderen unangenehmen Konsequenzen verleidet uns nicht nur die Tätigkeit, sondern richtet sie auf ein einziges Ziel aus. So sehen wir nicht die potenziellen positiven (Neben)Effekte: Freude am Tun, Stolz, Lernen.  Angst hält uns klein. Wir begehren nicht auf oder sagen unsere Meinung, wenn wir fürchten, dafür getadelt oder abgewertet zu werden. Das verhindert, für unsere Meinung respektiert zu werden, und manchmal schon die Meinungsbildung selbst.  Angst beschneidet unsere Kreativität. Wir denken nicht frei, außerhalb des Rahmens. Schade eigentlich. Was wäre aus Frida Kahlo geworden, hätte sie sich nicht zugestanden, frei zu denken?   Angst sieht Probleme oder schafft sie. Angst vor Nicht-Gefallen beei...

Füreinander da sein

Wie wäre es, wenn du, anstatt den Kummer runterzuschlucken, eine:n Freund:in anrufst? Du sagst, du möchtest dich nicht aufdrängen. Wahrscheinlich ist dein:e Freund:in gern für dich da. Aber selbst wenn er/sie gerade lieber in der Badewanne läge, als dir zuzuhören - im Großen und Ganzen bist du der Person vermutlich wichtiger als ein paar Liter warmes Wasser.  Ich wünsche mir, dass Freundschaften ebenso ein Ort des Aufgehobenseins und des Anlehnens sind wie romantische Beziehungen. Dass wir so für unsere Freund:innen da sind, dass sie das Gefühl haben, jederzeit zu uns kommen zu können. Dass es selbstverständlich wird, sich jederzeit bei dem/der Freund:in zu melden und auf der Matte stehen zu können.  Netzwerke der Solidarität nennen es Linke, Füreinander Sorge Tragen nenne ich es. Das Ohr auch dann öffnen, wenn uns gerade selbst viel im Oberstübchen rumschwirrt. Nicht nur, weil wir uns das offene Ohr auch selbst irgendwann wünschen, sondern, weil wir Verantwortung für unsere F...

Kreise

Das alles kommt mir verdächtig vertraut vor. Moment - hier war ich doch schon mal. Hin und wieder finde ich mich in der gleichen (nicht selben, auch wenn es so scheint) Situation vor, in der ich schon 3299 mal war. Habe ich denn nichts gelernt?  Doch. Aber ich hab es nicht angewendet. Oder bin in eine Falle getappt. Oder es hat nicht geholfen oder zumindest nicht genug. Die weise Umschreibung hierfür: Das Leben ist eine Spirale. Wir kommen immer wieder an ähnlichen Stellen vorbei. Ach guck, das kenne ich doch. Aber bei jeder Umdrehung schrauben wir uns ein kleines Stück höher. Wir stehen nicht wieder an genau derselben Stelle, sondern haben eine dünne Schicht Erfahrung aufgetragen, auf der wir - nicht stabil, aber immerhin - stehen.  Es scheint also, was ich weiß und was ich lerne reicht immer nur bis zur nächsten Kurve. Dann komme ich ja doch wieder am Stopp-Schild vorbei. Stopp - Obacht!, schreit es mir entgegen, hier warst du schon mal. Das ernüchtert. Muss es aber nicht. I...

Handlungsschlupflöcher

 Manchmal scheint es, als geschehe das Leben uns und wir seien dem hilflos ausgeliefert. Das stimmt manchmal. Mindestens ebenso oft stimmt es aber nicht, und wir sehen nur nicht, was wir tun können. Zugegeben: Unsere Handlungsmöglichkeiten sind oft begrenzt. Wir können andere nicht verändern, das Wetter nicht und unsere eigene Gesundheit auch nur zu einem kleinen Teil. Aber tun können wir meist etwas. Zumindest kurzfristig, damit sich die Misere besser aushalten lässt.  Ein Beispiel: Wenn ich unter der langen Dunkelheit leide, kann ich mir Kerzen anmachen. Die geben kein Vitamin D, aber Helligkeit.  Wenn ich mich ärgere, dass jemand meine Nachrichten nicht beantwortet, kann ich a) die Person anrufen, b) ihr meine Erwartung und meinen daraus resultierenden Unmut mitteilen oder c) (versuchen) keine Erwartungen mehr an die Person (zu) haben. Das löst das Problem nicht, aber das liegt nunmal nicht in meiner Hand.  Oft sehe ich die Handlungsspielräume, die ich habe, nicht...

Wie ich es haben will und wie es ist

In meiner Idealvorstellung bin ich ein unabhängiger, freier Mensch, der nichts und niemanden zu seinem Glück braucht. In der Realität scheitere ich nicht nur daran, mein Fahrrad selbst zu reparieren, sondern bin auch fundamental auf die Zuneigung und Aufmerksamkeit Anderer angewiesen. Machen wir uns nichts vor: Das sind wir alle (wenn auch zu variierendem Ausmaß).  Eine Menge Kummer würde ich mir ersparen, wenn ich so unabhängig wäre, meinen Weg allein bestreiten würde und damit im Reinen wäre. Aber das bin ich nicht. An Tagen, an denen ich bis zum Abend mit keinem geredet habe (das kommt durchaus vor) fühle ich mich irgendwie schief, im Ungleichgewicht, und befürchte, meine sozialen Fertigkeiten zu verlieren. Ein Computer eröffnet zwar einen Zugang zur Welt, aber er lächelt nicht.  Verhalten Menschen sich dann unvorhersehbar oder reagieren nicht so, wie ich es gerne hätte, bin ich schnell frustriert und wünsche mir, nicht auf ihre Verlässlichkeit und ihr Wohlwollen angewiesen...

Wünsche äußern

"Möchtest du einen Kaffee?" - "Ja, sehr gerne, danke. Woher wusstest du das?"  So hätte ich es gerne. Jemand anders liest mir meine Wünsche von den Augen ab. Danach fragen oder gar bitten muss ich nicht. Das wäre zwar bequem, aber auch feige. Wieso frage ich nicht einfach selbst nach dem, was ich will?  Weil ich nicht gierig scheinen will. Das geht zum Teil so weit, dass ich mir nicht mal selbst eingestehen möchte, dass ich einen Wunsch oder ein Verlangen nach etwas habe. Denn der Wunsch kann mir ja abgeschlagen werden. Sehr her, ich bin Mutter Teresa, ich brauche nichts als ein bisschen Luft zum Atmen.  Ich aber möchte sehr gerne und sehr viel und die Wahrscheinlichkeit, es zu bekommen, ist deutlich höher, wenn ich danach frage. Oder es einfordere, wenn es mir zusteht, aber nicht gegeben wird. Wir alle brauchen oder wollen etwas: Kaffee, Schlaf (eher in umgekehrter Reihenfolge), Platz im Bus, eine Tüte Äpfel, Hilfe bei der Fahrradreparatur und eine Rente. Kommen di...