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Die dunkle Macht

Menschen haben den Computer und das Flugzeug erfunden. Wir sind fähig, Berge zu besteigen, Kinder zu gebären, ins All zu fliegen und Maschinen zu bauen, die jede erdenkliche Tätigkeit übernehmen - Waschen, Höhen überwinden, Autoteile zusammenstecken, sogar menschliches Körpergewebe durchleuchten. Woran Viele von uns, zumindest jedoch ich, regelmäßig scheitern, ist, unserer eigenen Gedanken Herr zu werden. Stattdessen überrollen sie mich wie eine Flutwelle und ich stehe da, ungeschützt, und lasse mich umwerfen. Lasse? Habe ich eine Wahl? Ja, sagen Kognitionspsycholog:innen und Verhaltenstherapeut:innen. Ich kann meine Gedanken steuern, selbst entscheiden, welche ich in mein Bewusstsein lasse und welche nicht. Sie modifizieren, infragestellen und dadurch entkräften. Das mag stimmen. Aber sie bleiben. Haben sie sich mal häuslich eingerichtet, sind sie schwer wieder heraus zu bekommen und kehren immer wieder. Wenig ist so verlässlich wie Grübelgedanken. Bist du sonst auch allein - sie sind immer für dich da. 

So war beim Wandern heute der zähe Abstieg nicht so zermürbend wie die Gedanken, die ihn begleiteten. Es fühlte sich an, als nagten sie von innen an mir, zersetzten Stück für Stück, was an Lebensmut und Zuversicht da war. Was bist du für eine Versagerin, sagten sie, schau dich an, nichts hast du auf die Reihe gekriegt. Drei Jahre am Institut und du hast nicht annähernd etwas zu Papier gebracht. Du könntest nicht weiter weg sein von einem Abschluss, einer Karriere. Schäm dich. 

Achtsamkeit und Selbstfürsorge schön und gut, aber was, wenn sich diese Gedanken nicht nur wahr anfühlen, sondern es auch von außen betrachtet keinerlei Gegenbeweise gibt? Nichts, was sie widerlegt? Da liegt es nahe, ihnen Glauben zu schenken. Ja, so etwas wie eine objektive Wahrheit gibt es nicht, alles ist subjektiv und relativ. Aber manches liegt näher als Anderes. Die eigenen Fähigkeiten zu hinterfragen, wenn Erfolge ausbleiben, liegt sehr nahe. Es steht in statt vor der Tür. 

Die Dämonen, die mich heimsuchen, kümmern sich nicht darum, ob ich sie eingeladen habe oder dahaben will. Sie kommen einfach. Nichts ist so sicher wie der Zweifel. Ablenkung kann temporär helfen. Aber irgendwann ist es still. Dann werden sie umso lauter. 

Ich will mich nicht in der Opferrolle sehen. Ich möchte mein Denken und Fühlen selbst in der Hand haben. So tue ich alles, um die Dämonen auszutreiben. Hinterfrage sie, rationalisiere, spreche mit Anderen über sie, versuche, sie lächerlich zu machen. Manchmal werden sie dann etwas leiser. Um dann zu einem späteren Zeitpunkt mit voller Lautstärke zurück zu kommen. Nötig sind diese Bemühungen trotzdem. Herr über die eigenen Gedanken zu sein, bedeutet wahrscheinlich, sie immer und immer wieder auszutreiben, so mühselig es auch ist. Kleine Gewinne sollten gesehen werden. Damit ich sie erneut erringen kann. Hallo, Grübelmonster. Nein, für dich heute kein Zutritt. Was, du kommst trotzdem rein? Okay. Aber gemütlich wird es nicht.

Die Freiheit liegt zwischen Reiz und Reaktion, so Viktor Frankl. Wie frei bin ich? Wie viel meines Denkens, meiner Entscheidungen verantworte ich und wie viel der Dämon? Die Freiheit sehe ich nicht immer. Vielleicht muss ich sie mir klar machen und mich selbst davon überzeugen, dass sie da ist. Grübelgedanken sind gerissen, aber nicht allmächtig. Irgendwann ist jeder düstere Gedanke mal gedacht und verliert seinen Schrecken. Unterm Strich lautet die Frage: Wie möchte ich leben? Wer hat die Kontrolle über meine Gedanken? Ich, will ich sagen. Ich glaube es mir noch nicht. Ich werde es mir noch beweisen müssen. Ein ums andere Mal. Heute, morgen und so oft, bis irgendwann mehr Hell als Dunkel da oben herrscht. 

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