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Allein

Bin ich allein, fühle ich mich einsam. Bin ich unter Menschen, dann sehne ich mich nach dem Alleinsein. Ja, was denn nun?

Dröseln wir das mal auseinander. Ich vermische hier nämlich zwei Sachen: 
Zum Einen der Mangel an Kontakt und die Sehnsucht danach. Zum Anderen meinen eigenen Wert, der sich vermeintlich an der Gesellschaft, in der ich mich befinde, bemisst. Stimmt das? Bin ich nur etwas wert, wenn ich mit Anderen zusammen bin? Geben die mir wert? Es scheint, ohne den Stempel "geprüft und auf gut befunden" von Anderen existiere ich nicht. Dem kann ich begegnen, indem ich mich bewusst dem Alleinsein aussetze und schaue, was passiert. Klar, erst kommt die Entwertung und die Scham dafür, offenbar nicht liebenswert genug zu sein, dass jemand seine kostbare Zeit mit mir verbringen möchte. Im zweiten Schritt (und nach einigen Runden des Grübelns) fange ich an, danach zu suchen, was ich denn eigentlich alleine so anstellen könnte. Dann merke ich, dass mein Glück und Wohl, der Spaß, den ich habe, nicht von Anderen abhängt. Klar, Vieles ist netter zu zweit. Aber alleine ist besser als gar nicht. Das gilt zum Beispiel fürs Wandern, fürs Kaffee Trinken oder Youtube Schauen. 

Nun zum zweiten Aspekt des Alleinseins, der wahren Einsamkeit. Für die gibt es keine simple Reparatur. Umdenken allein reicht hier nicht. Aber gut zu sich sein. Ich neige dazu, mich noch für mein Alleinsein zu bestrafen. Gedanken zu denken wie: "Na, wenn schon niemand Zeit mit mir verbringen will, dann kann ich getrost auch arbeiten" oder "... dann darf ich auch keinen Spaß haben". Was erstmal verquer klingt, fühlt sich in diesen Momenten sehr wahr und gültig an. Natürlich darf es mir nicht gut gehen. 

Was, wenn ich das einfach mal zulasse? Mich in die Wanne oder ins Bett lege? Mir ein Likörchen genehmige und schrille Popmusik höre? Youtube alleine schaue und mich über die Kommentare unter den Videos beömmele? Lachen kann ich auch, ohne dass jemand hinsieht. 

Noch etwas: ich muss niemanden von meinem Wert überzeugen. Auch mich selbst nicht. Wenn ich das Gefühl habe, das tun zu müssen, liegt der Hase meist woanders begraben. An irgendeinem Punkt haben ich oder Andere meinen Wert infrage gestellt. Das muss ich aber nicht zulassen. Ich muss niemandem etwas beweisen, mich nicht rechtfertigen dafür, dass ich bin. Das Leben verlangt kein Abschlusszeugnis von mir. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Wenn ich niemand überzeugen muss, dass ich existieren darf, dann bin ich frei, zu sein, was ich sein möchte - in Gesellschaft oder allein. 

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