Direkt zum Hauptbereich

Ein eierndes Karrussell

Ich wälze Gedanken wie die Seiten eines schweren, dicken Buchs. Genauso fühlt sich auch mein Kopf an: schwer. Der Prozessor ist überfordert mit der tausendsten Nachkommastelle, die jetzt auch noch ins System gepresst werden soll. (IT-Menschen greifen sich hier an den Kopf. Entschuldigt, ich habe eigentlich keine Ahnung von der Materie.)

Ich grüble über den Preis von Gurken, warum Menschen so viel am Handy sind, ob ich wohl gut schlafen werde kommende Nacht. Wie viel Alkohol noch verträglich ist, was der Mensadame so die Laune verhagelt hat und warum die Bibliothek wohl von Teppich bis Decke grau ist. Was meine Freunde jetzt wohl alle so tun, warum ich eigentlich studiere, wie froh Menschen in Dritte-Welt-Ländern über dieses Privileg wären und wie undankbar ich.
Ob ich wohl besser geputzt hätte heute anstatt rumzusitzen, wo die Leute mit ihren großen Rucksäcken jetzt wohl über Ostern alle so hinfahren und ob sie dort Spaß haben werden.

Was diese Gedanken vereint, ist das Kriterium der völligen Unwichtigkeit. Banalität zieht sich durch meinen Tag von Überlegungen zur Verträglichkeit des morgendlichen Kaffees bis zu Abwägungen über die richtige Schlafenszeit (zu spät? zu früh zum Einschlafen?). Was bleibt übrig, wenn man alles hinterfragt? Ein Minus, eine Stromrechnung des Gehirns. "Herzlichen Glückwunsch, Sie haben heute wieder dreieinhalb Kilowattstunden vergrübelt!"

Manchmal gibt es dann einen Kurzschluss, das Stromnetz bricht zusammen und die Region oberhalb meines Halses ist für ein paar Augenblicke Niemandsland. Gott sei Dank, ruft es von irgendwoher. Das wäre aber kein Hochleistungszentrum da oben, wenn es diesen Defekt nicht binnen Minuten beheben könnte. Weiter dreht sich das Karussell, nächste Runde, wer will mitfahren?
Platz gibt es genug, wir schmeißen keinen raus. Ein Prosit auf die Gemütlichkeit, denke ich, und öffne mir ein Bier. (Bildlich gesprochen, versteht sich.)

Vielleicht ist das Leben keine Achterbahn, sondern doch eher ein ruckeliges, eierndes altes Kettenkarussell. Wenn man es jedoch ölt und ihm ein wenig Schwung gibt, tüdelt man damit manchmal ganz nett herum. Dass eine Kreisbahn immer wieder dieselben Punkte berührt, kann man ja für einen Moment mal vergessen.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Der Rahmen unserer Möglichkeiten

Ja, es ist heiß. Was mich aber viel mehr beunruhigt als die momentane Hitze ist, wofür sie steht. Wir haben es oft gehört in den letzten Tagen: Das sind Auswüchse des Klimawandels. Das ist erst der Anfang. Wer nicht vorher schon Angst vor der Zukunft hatte, dürfte sie jetzt haben. Wie damit umgehen?  Klar, ich kann im eigenen Nahfeld etwas anstoßen oder mich einer Bewegung anschließen. Urban Gardening betreiben, Klimastreiks organisieren, für die Begrünung von Asphaltflächen im Stadtrat plädieren. Die begrenzte Wirkung ist mir dabei jedoch immer klar.  Ich kann gut nach mir selbst schauen und mir eine so erfreuliche Zeit wie möglich auf dieser Erde machen. Aber das führt, bei mir zumindest, zu noch mehr Schuldgefühlen: Ich lebe auf dicker Sohle, verbrauche Ressourcen und Andere leiden. Ja, auch ich will ein Gutmensch sein (wenn das denn möglich ist).  Vom Wählen fange ich nicht an, das sollte selbstverständlich sein.  Also was dann? All die Schreckensberichte und Sze...

Werde ich seltsam?

Die meisten Momente in meinem Leben verbringe ich allein. Ich arbeite, wandere, schlafe und scrolle (überwiegend) allein. Das finde ich auch gut so. Nur manchmal flüstert eine leise fiese Stimme: "Ist das normal?" Es mag mein heteronormatives Weltbild sein, Angst vor Einsamkeit (im Alter) oder eine gesunde Prise Selbstkritik - diese Stimme kann mir ganz schön zusetzen. Worte wie "Eigenbrötler", "Katzenlady", "Weirdo" oder "Dauersingle" schieben sich in mein Bewusstsein. Werde ich komisch, wenn ich zu viel Zeit alleine verbringe? Eigne ich mir nach und nach seltsame Verhaltensweisen an, ohne es zu merken? Werde ich zu dieser Person, die von anderen mit Befremden mit einem gehörigen Sicherheitsabstant beäugt wird? Über die Mütter zu ihren Kindern sagen "nee, mit der spielen wir nicht" oder "Schatz, ich weiß auch nicht, was mit ihr los ist"? Aua.  So gern ich allein bin (es kann gar süchtig machen), fürchte ich doch die...

Kreise

Das alles kommt mir verdächtig vertraut vor. Moment - hier war ich doch schon mal. Hin und wieder finde ich mich in der gleichen (nicht selben, auch wenn es so scheint) Situation vor, in der ich schon 3299 mal war. Habe ich denn nichts gelernt?  Doch. Aber ich hab es nicht angewendet. Oder bin in eine Falle getappt. Oder es hat nicht geholfen oder zumindest nicht genug. Die weise Umschreibung hierfür: Das Leben ist eine Spirale. Wir kommen immer wieder an ähnlichen Stellen vorbei. Ach guck, das kenne ich doch. Aber bei jeder Umdrehung schrauben wir uns ein kleines Stück höher. Wir stehen nicht wieder an genau derselben Stelle, sondern haben eine dünne Schicht Erfahrung aufgetragen, auf der wir - nicht stabil, aber immerhin - stehen.  Es scheint also, was ich weiß und was ich lerne reicht immer nur bis zur nächsten Kurve. Dann komme ich ja doch wieder am Stopp-Schild vorbei. Stopp - Obacht!, schreit es mir entgegen, hier warst du schon mal. Das ernüchtert. Muss es aber nicht. I...