Direkt zum Hauptbereich

Das ungute Gefühl in der Magengrube

Reden wir nicht drum rum: Wir alle bauen manchmal Mist. Manchmal passiert es einfach, manchmal lassen wir es darauf ankommen und manchmal führt einfach kein Weg daran vorbei. Der Mistbau ist systemimpliziert. 

Jap, ich bin der Buhmann und das kann ich gar nicht gut aushalten. Es verschafft mir ein ganz ungutes Gefühl in der Magengrube. Klar, keine:r will auf der Seite der moralisch Verwerflichen stehen. Aber das muss ich jetzt aushalten. Lernen, die Dissonanz zwischen dem, wie ich mich sehen will (einwandfrei, unschuldig, mit einer 0 auf dem Sündenkonto) und dem, wie ich wohl wirklich bin (fehlbar, mir selbst widersprechend, inkonsistent, manchmal auch fies). Mhhmhm. Zähneknirschend lerne ich eine Lektion, die eigentlich (gemäß normativer Entwicklungsstufentheorien) vermutlich schon im Kleinkindalter dran gewesen wäre: Der Mensch ist weder gut noch schlecht. Er schwummert immer irgendwo zwischen diesen beiden Polen herum. Mal näher am einen (wenn wir helfen, retten, kümmern, danken), mal näher am anderen Pol (wenn wir streiten, beleidigen, achtlos mit unserer Umwelt umgehen, kaputt machen - auch uns selbst). Ambivalenz. 

Keine Rechtfertigung oder Erklärung tilgt, dass ich schuld bin. Nicht verantwortlich (gut, auch, aber darum geht es hier nicht), der nette kleine und viel gewaltfreiere Bruder von Schuld, sondern schuld. "Es ging nicht anders", wendet die Stimme des Egos in mir ein. Das spielt aber keine Rolle dafür, schuld bin ich trotzdem und zwar mit Haut und Haar. Mhhmmm. Den Hut muss ich mir aufziehen und damit schläft es sich nicht nur eher schlecht, sondern ich wusele auch den ganzen Tag mit einer quälenden Anspannung herum, ohne mit einer meiner 438 repetitiven und meist recht unnützen Tätigkeiten mein Gewissen beruhigen zu können. Mit 26 lerne ich also, dass ich kein Engel bin. Nun gut. Ich habe ja noch ein paar Jahre, um mich mit der Buhfrau in mir zu versöhnen. Es wäre doch schade, so nah aneinander im Streit zu leben. 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Der Rahmen unserer Möglichkeiten

Ja, es ist heiß. Was mich aber viel mehr beunruhigt als die momentane Hitze ist, wofür sie steht. Wir haben es oft gehört in den letzten Tagen: Das sind Auswüchse des Klimawandels. Das ist erst der Anfang. Wer nicht vorher schon Angst vor der Zukunft hatte, dürfte sie jetzt haben. Wie damit umgehen?  Klar, ich kann im eigenen Nahfeld etwas anstoßen oder mich einer Bewegung anschließen. Urban Gardening betreiben, Klimastreiks organisieren, für die Begrünung von Asphaltflächen im Stadtrat plädieren. Die begrenzte Wirkung ist mir dabei jedoch immer klar.  Ich kann gut nach mir selbst schauen und mir eine so erfreuliche Zeit wie möglich auf dieser Erde machen. Aber das führt, bei mir zumindest, zu noch mehr Schuldgefühlen: Ich lebe auf dicker Sohle, verbrauche Ressourcen und Andere leiden. Ja, auch ich will ein Gutmensch sein (wenn das denn möglich ist).  Vom Wählen fange ich nicht an, das sollte selbstverständlich sein.  Also was dann? All die Schreckensberichte und Sze...

Septemberbeobachtungen

 Der September hat begonnen - da erzähle ich euch nix Neues - und mit ihm habe ich ein paar auch nicht ganz neue Beobachtungen gemacht:  - Die Septemberdepression kündigt sich an. Die hat weniger mit dem Ende des Sommers selbst als mit dem Ende der leichten, vermeintlich sorglosen Zeit und den Ferien (für die, die sie haben) zu tun. Das Leben und seine Anforderungen scheinen auf einmal wieder ernster und drängender.  - Gesprächsfetzen: "Keinen Bock habe ich ja schon lange nicht mehr."   - Verletzlichkeit einzufordern ist leichter, als sie selbst zuzulassen. Wenn Veretzlichkeit zu zeigen uns bei Anderen nötig und vielleicht auch einfach erscheint, so hat das vielleicht damit zu tun, dass 1. wir nicht das ganze Bild der dahinterliegenden Prozesse und Ängste sehen und 2. die betreffende Info oder das Gefühl, das gezeigt werden soll, für uns leichter und unproblematischer, unbesetzter ist als für die Person selbst.  - Empfindungen von Schönheit sind sehr subjek...

Werde ich seltsam?

Die meisten Momente in meinem Leben verbringe ich allein. Ich arbeite, wandere, schlafe und scrolle (überwiegend) allein. Das finde ich auch gut so. Nur manchmal flüstert eine leise fiese Stimme: "Ist das normal?" Es mag mein heteronormatives Weltbild sein, Angst vor Einsamkeit (im Alter) oder eine gesunde Prise Selbstkritik - diese Stimme kann mir ganz schön zusetzen. Worte wie "Eigenbrötler", "Katzenlady", "Weirdo" oder "Dauersingle" schieben sich in mein Bewusstsein. Werde ich komisch, wenn ich zu viel Zeit alleine verbringe? Eigne ich mir nach und nach seltsame Verhaltensweisen an, ohne es zu merken? Werde ich zu dieser Person, die von anderen mit Befremden mit einem gehörigen Sicherheitsabstant beäugt wird? Über die Mütter zu ihren Kindern sagen "nee, mit der spielen wir nicht" oder "Schatz, ich weiß auch nicht, was mit ihr los ist"? Aua.  So gern ich allein bin (es kann gar süchtig machen), fürchte ich doch die...