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Wer entscheidet?

Überlegungen, wie ich meinen Feierabend gestalte. Was ich nicht denke: "Oh, eine reizvoll klingende Veranstaltung. Da gehe ich mal hin." Was ich stattdessen denke: "Oh, da könnte ich mich blamieren/niemanden kennen/keinen Spaß haben/den Ort nicht finden/zu müde sein/es nicht hinkriegen/..... Besser nicht." 

Wer hat hier die Entscheidung getroffen? Ich oder die Angst?  


Wie oft treffe ich Entscheidungen aus Angst? Mit dem Ziel, etwas Unangenehmes zu vermeiden anstatt etwas Erstrebenswertes zu erreichen. Nicht getrieben von Neugier, Lust oder Bedürfnis nach Wachstum, sondern aus einer Sorge heraus, dass die Entscheidung ungemütliche bis schmerzhafte oder schlimme Auswirkungen hat. 

Dabei geht es mir hier noch nicht mal darum, wie realistisch diese Auswirkungen sind. Sondern darum, was meinen Weg bestimmt. Wer auf dem Fahrersitz sitzt. Wieviel Raum räume ich eigentlich diesem ängstlichen Teil meines Ichs ein, dass es an entscheidenden Stellen die Führung übernimmt? So viele Stunden habe ich verbracht mit Beschäftigungen, die einzig und allein aus der Abwehr von Angst motiviert waren. Angst vor Scheitern, vor Beschämung, vor Ablehnung, davor, nicht genug zu sein, ... Hier könnt ihr eure persönlichen Ängste einsetzen. Das zugrundeliegende Muster ist das Gleiche: Ich fürchte, dass X passiert, tue deshalb Y und verpasse eine Möglichkeit für Z. Z kann alles Mögliche sein: Kleine Dinge wie Begegnungen mit Menschen oder eine anregende Lektüre; mittelgroße Dinge wie ein Tanzkurs oder ein unangenehmes (Konflikt-) Gespräch; große Dinge wie ein Urlaub oder ein Wechsel der Arbeitsstelle. 

Wenn ich Dinge nicht tue, die außerhalb meiner Komfortzone liegen, beraube ich mich der Chance auf Wachstum. Ja, der Weg zu Wachstum ist manchmal holprig, kann Risiken bergen und oft schrumpfe ich erstmal, bevor ich wachse. Aber es gar nicht erst zu versuchen lässt mich klein bleiben. Chancen bleiben dann ein "hätte" und ein "könnte", anstatt ein "mache" zu werden. 

Es geht mir nicht darum, ständig Dinge tun zu müssen, vor denen man Angst hat. Das Leben darf schon auch mal angenehm und einfach sein. Eher möchte ich mich nicht von Dingen abhalten lassen, zu denen es mich eigentlich hinzieht. Die mich - wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin - auf eine belebende Weise faszinieren. Dabei muss ich großzügig mit mir selbst sein und mir immer wieder sagen, dass es nicht darum geht, gut in etwas zu sein, sondern dass Ausprobieren reicht. Schnuppern. Wie im Kinderturnen (worin ich wirklich schlecht war und was mir auch nicht gefiel. Das konnte ich aber nur durchs Ausprobieren feststellen). 

Es müssen auch nicht immer große Dinge sein oder solche, die wir noch nie gemacht haben. Jeden Winter muss ich mich erneut ein kleines bisschen überwinden, in die Sauna zu gehen. Jedes Mal bin ich währenddessen, aber spätestens hinterher, froh, es gemacht zu haben. 

Um die Verantwortung für meine eigenen Ängste und das Angehen gegen diese zu übernehmen, schmeiße ich hier mal eine nicht-erschöpfende Liste derer hin, die ich eigentlich (häufiges Wort in diesem Zusammenhang) mal überwinden würde: 
- auf einem Klavier rumklimpern
- mich auf Arbeitsstellen bewerben, für die ich nicht qualifiziert bin
- in die Sauna gehen
- auf ein Konzert gehen (ich hab ja gesagt - kleine Dinge zählen auch) 
- einen Buchclub gründen 
- Französisch sprechen üben (in Frankreich, mit einem/r Muttersprachler:in oder zumindest mit einem Chatbot) 
- eine Weinwanderung machen 

Was ist es bei euch? Welche Entscheidungen würdet ihr euch gerne zurückerobern?  




 

Kommentare

  1. "Was ist es bei euch? Welche Entscheidungen würdet ihr euch gerne zurückerobern?" Bei mir ist es so, dass ich oft aus einer undefinierten Angst und einem nicht erklärten Unbehangens heraus ständig für Wochen oder Monate über mich selbst nachdenke, bis ich irgendwann innerlich "explodiere", um so den Käfig meiner eigenen Gedanken und meiner Lebensbedingungen aufzubrechen. Und dann ist aber die Änderung irgendwie richtig radikal, sodass mein Leben fast in einem Augenblick auf den Kopf gestellt wird. Und danach geht es mir besser, fühle ich mich eine bessere Person und erschließen sich mir neue Horizonte. In letzter Zeit habe ich mich zum Beispiel nach einer jahrelangen Überlegung für die Änderung meines Genders und auf einmal bin ich sogar offen für geschlechtsangleichende OPs, obwohl dieses Ergebnis überhaupt nicht dem entspricht, worüber ich so eifrig nachgedacht habe. Ich könnte deine Frage also eigentlich gar nicht beantworten, weil die Angst für mich der Antrieb ist, der mich irgendwann so innerlich fertig macht, bis sich meine Handlungsmöglichkeiten, das "Zurückzuerobernde", endlich in aller Klarheit manifestiert. Aber unter den kleinen Dingen, die ich irgendwann mal gerne täte, zählen auch so Sachen wie "einen Buchclub gründen" oder "auf ein Konzert gehen" wie du. Oder auch alleine Wandern gehen: Da habe ich noch eine hohe Überlebensangst, weil ich einige Male als fette Person mit schlanken Menschen gewandert bin, die mir viel Druck gemacht haben, den Schritt mit ihnen zu halten, bis ich dann körperlich nicht mehr mithalten konnte. Eigentlich weiß ich, dass, wenn ich alleine wandern ginge, passte ich vielmehr auf mein Wohlbefinden auf, als als ich unter einem äußeren "Leistungsdruck" stand, aber gleichzeitig bin ich noch immer ein bisschen misstrauisch. Aber irgendwann wird das auch klappen :)

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    1. Vielen Dank, dass du das teilst. Bei dir scheint die Angst zu einer Befreiung zu führen, verstehe ich das richtig? Dann hätte sie ja etwas Weitendes statt Einengendes. Eine neue Perspektive für mich.
      Alleine wandern zu gehen jedenfalls finde ich auch befreiend. Manchmal auch etwas einsam, aber trotzdem einhüllend und anregend. Das Tempo ist dabei ja wurscht, oder? Mach, was gut für dich ist.

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  2. Hi! Ich freue mich sehr über deine Antwort :) Ja, du hast es richtig verstanden ;). Es freut mich, dir eine neue Perspektive eröffnet zu haben: Normalerweise ist es ja durch deine Beiträge umgekehrt :)
    Ich denke auch, dass das Tempo vollkommen nachrangig beim Wandern ist oder sein sollte, vor allem wenn mensch alleine ist. Und ich bin natürlich darauf gespannt, zu sehen, wie ich das Alleine-Wandern erleben werde und ob ich das Gleiche o.Ä. spüren werde wie du. Ich muss eben nur die eine letzte geistige Hürde dafür überwinden :)
    Ich wünsche dir noch einen schönen Abend und ich freue mich sehr doll auf deine künftigen Beiträgen!

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